Mit mehr als sechs Wochen Vorlaufzeit, Werbung in sozialen Netzwerken und zahlreichen Flyern warb Thügida für ihre Demonstration am 31. März 2017 im südthüringischen Sonneberg. Ein paar Wochen später rief das zivilgesellschaftliche Bündnis „Sonneberg ist bunt“ zum Gegenprotest auf. Während Köckert & Co. die immer gleiche rassistische Stimmungsmache betrieben, übte sich das bürgerliche Lager des Gegenprotestes im Aufruf vor allem in Heimatliebe, Imagepolitur und Darstellung falscher Tatsachen. Eine Sitzblockade von 15 jungen Menschen wurde von der Polizei sofort mit Pfefferspray und Schlägen angegriffen. Ein Bericht aus der tiefsten Provinz.

Knapp 70 Rassist*innen versammelten sich am Nachmittag des 31. März im südthüringischen Sonneberg, um „gegen asoziale und antideutsche Politik“ zu demonstrieren. Gegen 16:00 Uhr fanden sich die Teilnehmenden am Piko-Platz ein. Die Gruppe bestanden zum großen Teil aus Familien mit kleinen Kindern und ein paar Jugendlichen. Auf der anderen Straßenseite haben sich etwa genau so viele Gegendemonstrant*innen versammelt.
Gegen 18:15 Uhr setzte sich schließlich der rechte Aufmarsch, ohne die angekündigte Rednerin Angela Schaller und den rechten Musiker Frank Rennicke, in Bewegung.

Etwa 70 Personen beteiligten sich am Thügida-Aufmarsch
Polizei zum Teil sehr aggressiv

Nachdem der Thügida-Aufmarsch etwa die Hälfte seiner Strecke absolviert hatte, kam es zu einer Zwischenkundgebung an der Ecke Bahnhofstraße/Juttastraße. Auch junge Gegendemonstrant*innen haben sich mittlerweile in Hör- und Sichtweite eingefunden. Nach einer kurzen Rangelei warfen Polizeieinheiten einen Gegendemonstranten zu Boden und nahmen dessen Personalien auf. Ein anwesender Journalist, der dies dokumentierte, wurde von einem Polizisten aggressiv angeschrien er solle seine Kamera wegpacken. Des Weiteren wurde ihm mehrfach in die Kamera gegriffen und so versucht eine Berichterstattung des Einsatzes zu verhindern.

Erste rabiate kurzzeitige Festnahme der Polizei
Massiver Einsatz von Pfefferspray gegen Sitzblockade

Nach der Zwischenkundgebung zog der Thügida-Aufmarsch durch eine Baustelle weiter. Warum die Ordnungsbehörde so etwas zuließ, bleibt schleierhaft. Auf der Coburger Allee kam es dann zu einer Sitzblockade von 15 Menschen. Die rechte Demonstration musste daraufhin stoppen und die angefahrenen Polizeieinheiten gingen sofort und ohne Vorwarnungen mit Schlägen und massiven Einsatz von Pfefferspray gegen die friedlichen Blockierenden vor. Aus nicht einmal zwei Metern Abstand sprühten mehrere Polizisten den Menschen Pfefferspray ins Gesicht. Nachdem die Blockade geräumt wurde, zog Thügida weiter zum Piko-Platz, wo der Aufmarsch auch begann. Auf dem restlichen Weg kam es am Rande immer wieder zu Protesten gegen Thügida.

Pfeffersprayeinsatz gegen die friedliche Sitzblockade

 

Darstellung falscher Tatsachen durch „Sonneberg ist bunt“

Während das Bündnis „Sonneberg bleibt bunt“ in seinem Aufruf verlauten lässt, dass die Stadt „stolz von sich behaupten kann, weltoffen und freundlich zu sein!“ und sie „möchten, dass das auch in Zukunft so bleibt!“, sieht die Realität in der südthüringischen Stadt jedoch ganz anders aus.
Hierzu kann beispielsweise ein Blick auf die vergangene Bürgermeisterwahl sowie Landtagswahl geworfen werden. Bei der Wahl am 21. August 2016 konnte sich der AfD-Kandidat Holger Winterstein mit 10,2% die zweitmeisten der abgegebenen Stimmen sichern. Der aktuelle Bürgermeister Heiko Voigt (CDU) konnte die Wahl mit 67,9% gewinnen. Dass die AfD auch hier ein zweistelliges Ergebnis einfahren konnte, ist gar nicht so überraschend, wie es die Lokalpresse behauptete. Bereits zur Landtagswahl 2014 erreichte die AfD dort 11,3% der Landesstimmen. Die NPD konnte bei selbiger Wahl etwa 4,0% der Stimmen einfangen.

Doch nicht nur auf parlamentarischer Ebene stehen rassistische und rechte Tendenzen in der „weltoffenen und freundlichen“ Stadt hoch im Kurs. Während einer Informationsveranstaltung zu einer geplanten Asylunterkunft am 21. Januar vergangenen Jahres kam es zu heftigen Pöbeleien seitens der etwa 300 Besucher*innen. Auch ein Transparent mit rassistischer Aufschrift wurde mitgeführt, um Stimmung gegen die geplante Asylunterkunft im Plattenbaugebiet „Wolkenrasen“ zu machen. Hinzu kommen zahlreiche Übergriffe und Veranstaltungen wie Rechtsrockkonzerte oder Stammtische der dort organisierten Neonaziszene. Auch drei der fünfzehn Angeklagten im Ballstädtprozess, wie Ricky Nixdorf, David Söllner und Johannes Baudler sind wohnhaft in Sonneberg. Nixdorf und Söllner sind ebenfalls Mitglieder der Sonneberger Neonaziband „Unbeliebte Jungs“. Bei einer bundesweiten Razzia gegen die ehemalige größte Neonazi-Plattform „Altermedia“ wurde in Sonneberg ein Objekt durchsucht.

Diese Ignoranz gegenüber den widerlichen Verhältnissen in Sonneberg kann nur bedeuten, dass das Bündnis vor lauter Heimatliebe und Spielzeugstadt-Romantik jeglichen Blick für die Realität verloren hat und somit deren Protest zur Farce wird. Weder wurde eine inhaltliche Kritik an Rassismus und Thügida, noch an den hiesigen Zuständen geübt. Trotz alledem ist es erfreulich, dass es in der Provinz scheinbar junge Menschen gibt, die nichts von dieser bürgerlichen Ignoranz halten und gegen Thügida auf die Straße gehen.

Weitere Fotos vom Tag gibt es hier.

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