Das Rap-Video „Antideutsche / Tahya Falastin“* von Thawra und Kaveh dürfte in den vergangenen Tagen einige Aufmerksamkeit in linken Kreisen in Deutschland erregt haben. auf Immerhin über 24.000 Aufrufe hat es das Video auf YouTube innerhalb der ersten drei Tage gebracht. Inhaltlich handelt es sich um eine Melange aus schlechtesten Ressentiments und identitärer Selbstrepräsentation. Die Zusammenarbeit mit vermeintlichten „Antideutschen“ wird in dem Lied als „Querfront“ tituliert. Dabei ist Rapper Kaveh in dieser Hinsicht selbst kein unbeschriebenes Blatt.

In erster Linie stellen Thawra und Kaveh mit ihrem neuesten Lied über „Antideutsche“ unter Beweis, dass sie von ihrem Gegenstand nicht viel verstehen. Die massive Überschätzung der Relevanz einer marginalen Strömung innerhalb der marginalen BRD-Linken spricht nahezu aus jeder Zeile. „Ihre Ideologie geht über Leichen und verursacht Tote“, erklärt uns Kaveh, bleibt allerdings jeglichen Hinweis darauf schuldig, wo ‚antideutsche Ideologie‘ Tote verursacht haben soll. Thawra bekommt es sogar hin, die im Gaza-Streifen regierende antisemitische Hamas mit den ‚Antideutschen‘ zu vergleichen. Wer aus ihrer Sicht gefährlicher ist, stellt sie dabei klar: „Keine Angst die Hamas hasse ich sehr/ Nur Antideutsche hass ich noch mehr“. Antideutsche Wald- und Wiesen-Journalisten wie Martin Niewendieck (Ruhrbarone, Jungle World, u.a.) werden in eine Reihe mit bundesweit bekannten neokonservativen Publizisten wie Henryk M. Broder oder dem Fraktionsvorsitzenden der Partei DIE LINKE im Bundestag Gregor Gysi gestellt.

Aber auch die Einschätzungen wer oder was der antideutschen Strömung innerhalb der radikalen Linken in der BRD zuzurechnen sei, sind oftmals weit gefehlt. Linken-Politiker Gysi wird offenbar deshalb genannt, weil er sich zum Existenzrecht des israelischen Staates bekannt hat. Nach dieser Definition wäre wohl die große Mehrheit der Linken hierzulande „antideutsch“. Auf der anderen Seite zählt man den Neocon Henryk M. Broder, den eher konservativ-libertären Blog „Ruhrbarone“ und den neokonservativen Blog „Achse des Guten“ auf. Tatsächlich gibt es personelle Verbindungen zu Protagonist_innen aus der antideutschen Szene, aber daraus den Schluss zu ziehen, dass die genannten Personen und Blogs ‚den Antideutschen‘ zuzurechnen wären, geht weit an der Realität vorbei. Dazu passend werden Zeitschriften mit vollkommen unterschiedlicher inhaltlicher Ausrichtung wie die konkret und die bahamas von Kaveh in einem Atemzug genannt.

Interessant am Liedtext ist ebenfalls die fadenscheinige Distanzierung vom Antisemitismus und die Beteuerung, Antisemitismus und Antizionismus hätten rein gar nichts miteinander zu tun:

Zuletzt, Brüder und Schwestern, ich hoff wir haben Einigkeit
Die jüdische Verschwörung ist ne Lüge, mancher fällt drauf rein
Aber wenn du wirklich Juden hasst, du feiges Schwein
Könn wir nur Feinde sein, dann komm heraus und kämpf allein.

Thawra und Kaveh: „Antideutsche / Tahya Falastin

Im selben Lied werden allerdings auch genuin antisemitischer Ideologie nahestehende Phrasen zum Besten gegeben:

Sie lieben den Tod, sie sind übelst kultiviert
Sie lieben Israel, denn ihr Geist ist okkupiert

Thawra und Kaveh: „Antideutsche / Tahya Falastin

Im Refrain fordern die Rapper_innen „Rote Fahnen über al-Quds und Tal Abib!“. Rote Fahnen über den israelischen Städten Jerusalem und Tel Aviv also. Die ausschließliche Verwendung der arabischen Städtenamen sendet die eindeutige Botschaft, dass die vermeintlich genuin arabischen Städte arabisiert werden sollen; folglich Jüd_innen dort eigentlich nichts zu suchen hätten.

Eine immer wieder an ‚den Antideutschen‘ vorgebrachte Kritik ist ihr vermeintlich offener antimuslimischer Rassismus:

Sind für Zivilisation gegen den Islam
Fordern deshalb die Atombombe auf den Iran

Thawra und Kaveh: „Antideutsche / Tahya Falastin

Abgesehen davon, dass es keinerlei Beleg für eine antideutsche Forderung nach einer Atombombe auf den Iran gibt, spielen Thawra und Kaveh hier ein besonders perfides Spiel. Tatsächlich vorhandene antimuslimisch-rassistische Tendenzen (siehe hierzu auch den Sechel-Text „Avoid working with assholes“) in einigen antideutschen Organisationen werden dazu instrumentalisiert, das Bild eines monolithischen antimuslimisch-rassistischen „antideutschen“ Blocks zu zeichnen. Diesen gibt es in der Realität allerdings nicht. Diejenigen antideutschen Positionen, die tatsächlich antimuslimischen Rassismus begünstigen sind Ergebnis der unkritischen Verhaftung gegenwärtiger Linker Kritik in den Kategorien der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie, die ebenfalls in der ‚antiimperialistischen‘ Theoriebildung zu beobachten ist. Dort bringt sie allerdings in den meisten Fällen keinen antimuslimischen Rassismus, sondern eine romantische Verklärung des ‚Volkes‘ sowie antisemitisches Ressentiment hervor.

Doch aus Sicht der israelfeindlichen Rapper_innen geht reaktionäre Ideologie innerhalb der radikalen Linken in erster Linie von ‚den Antideutschen‘ aus:

Manche wollen dass wir unsere Feindschaft beenden
Doch ich brauch keine Querfront um für Freiheit zu kämpfen

Thawra und Kaveh: „Antideutsche / Tahya Falastin

Doch was die Thematik der Querfront angeht, sollte Kaveh sich lieber bedeckt halten. Auf der einen Seite unterhält Kaveh gute Kontakte in die linke Szene. So trat er noch im April dieses Jahres im Autonomen Zentrum Mülheim auf, das in linken Szene-Kreisen selbst als eher ‚antideutsch‘ gilt:

Geschulte Beobachter_innen erkennen beim Ansehen des Videos, dass auch Protagonist_innen aus eher poststrukturalistischen Strömungen der radikalen Linken hinter Kaveh stehen.

Doch das sind anscheinend nicht Kavehs einzige Freund_innen. Der Berliner Rapper trat in diesem August beim „Give Back Sommerfest“ vor dem Düsseldorfer Landtag auf. Das Fest wurde von der Truther-Szene organisiert. Mit von der Partie waren auch einschlägig bekannte Antisemiten wie der Düsseldorfer Jörg Cölsmann und der Herausgeber des „Free 21“-Magazins Tommy Hansen. In Hansens Zeitschrift werden Theorien verbreitet, wie dass die (jüdische) Familie Rothschild „Kontrolle […] über die globale Wirtschaft ausübe“ und dass dies „absichtlich geheim gehalten“ werde. Ferner hielt bei dem dubiosen Fest auch die salafistische Hilfsorganisation „Ansaar International“ eine Rede.

Flyer des Düsseldorfer Querfront-Sommerfests im vergangenen August. Mit von der Partie: der Berliner Rapper Kaveh.
Flyer des Düsseldorfer Querfront-Sommerfests im vergangenen August. Mit von der Partie: der Berliner Rapper Kaveh.

Ein Ausrutscher war Kavehs Auftritt bei der Düsseldorfer Querfront allerdings nicht. Im Dezember 2014 bereits gab er dem von der russischen Regierung finanzierten Propagandasender „RT Deutsch“ ein Interview, in dem er davon sprach, dass die deutsche Bevölkerung von „den Medien manipuliert“ werde. Kaveh breitete dort die These aus, dass es „gefährlich ist, wie sich die Europäer, allen voran Deutschland, von den Interessen des US-Imperiums beeinflussen lassen“. Eine These für die er auf jeder *GIDA-Demonstration tosenden Applaus geerntet hätte. Und auch der Sender, mit dem Kaveh sich dort einließ, ist in Sachen rechte Ideologie kein unbeschriebenes Blatt. Bundesweit bekannte Rassist_innen wie Eva Hermann oder Jürgen Elsässer erhalten von dem Sender regelmäßig eine Plattform für ihre Hetze. Thawra und Kaveh schießen in ihrem neuen Song gegen antimuslimischen Rassismus und distanzieren sich von Antisemitismus. Wie gezeigt werden konnte, tendiert ihre Glaubwürdigkeit in beidem gegen 0.

Letztlich ist das Lied über „Antideutsche“ von Thawra und Kaveh auch ein Ausdruck identitätslogischer Verkürzung von Zusammenhängen. Diese sind innerhalb der BRD-Linken gegenwärtig extrem verbreitet. Die Selbstpräsentation der vermeintlich antiimperialistischen Linken mit Kuffiyah, Palästina-Fahne und Bengalos im Musikvideo sendet die Botschaft: ‚Wenn ihr nicht für uns seid, seid ihr gegen uns‘. Es geht an keiner Stelle des Raps um eine kritische inhaltliche Auseinandersetzung mit Fortschrittsaffirmation und Bellizismus innerhalb der radikalen Linken. Es geht viel mehr darum, für die ‚richtigen‘ Identitätsmerkmale zu werben:

Ich hasse Antideutsche sehen alle scheiße aus
mit ihren Stars and Stripes und ihrem Weiß und Blau

Thawra und Kaveh: „Antideutsche / Tahya Falastin

Kritik wird nicht gegen Thesen, Argumente oder Handlungen gerichtet, sondern in aller erster Linie gegen Personen:

Ich hasse Antideutsche sehen alle scheiße aus
Ich hasse Antideutsche sehen alle scheiße aus
Ich hasse Antideutsche sehen alle scheiße aus
Und wenn du Antideutscher bist hasse ich dich auch.

Thawra und Kaveh: „Antideutsche / Tahya Falastin

Eine Konsequenz dieser identitätslogischen Verkürzung von Zusammenhängen, ist der oben bereits beschriebene Glaube an einen monolitischen antideutschen Block, der sich von Gregor Gysi bis Hendryk M. Broder und von der bahamas bis zur konkret erstreckt. Dabei werden tendenziell alle Auffassungen, die nicht in das eigene antizionistische Weltbild passen als ‚antideutsch‘ gelabelt:

Viele Linke, die sich selbst nicht als Antideutsche sehen, benutzen trotzdem antideutsche Argumente.

Thawra und Kaveh: „Antideutsche / Tahya Falastin

Mit „antideutsche Argumente“ scheint Kaveh alle Argumente für das Existenzrecht des jüdischen Staates zu meinen. Das würde auch erklären, warum der ganz und gar nicht ‚antideutsche‘ Gregor Gysi einen Platz in Thawras und Kavehs Aufzählung von ‚Antideutschen‘ erhält.  Die antideutsche Strömung in der BRD-Linken wird weder historisch (vom Wegfallen des positiven Bezugspunktes Sowjetunion und dem Wiedererstarken des deutschen Nationalismus in den 1990ern her), noch logisch (von der Verhaftung linker Kritik in Kategorien der bürgerlichen Aufklärung wie Fortschritt, abstrakter Gleichheit oder bürgerlicher Subjektivität) erklärt. Der Ursprung der antideutschen Strömung liegt für Thawra und Kaveh in charakterlichen Mängel ihrer Protagonist_innen:

Es gibt zu wenige Linke in Deutschland, die wegen der Toten leiden
Denn viele hierzulande hüllen sich in großes Schweigen
Ihnen ist egal wie die toten Personen heißen
Denn sie machen lieber Karriere, wollen ganz nach oben steigen
Ihr seid krank und habt Angst wie Eliten

Thawra und Kaveh: „Antideutsche / Tahya Falastin

Die Tatsache, dass der Rap ein glänzendes Beispiel für die in der deutschen Linken grassierende identitätslogische Verkürzung von Zusammenhängen ist, ist auch der zentrale Grund für den vorliegenden Artikel. Es spräche vieles dafür, der Hetze von Thawra und Kaveh nicht noch zusätzliche Aufmerksamkeit zu bescheren. Da allerdings ein Teil dieser Hetze Konsequenz von in der Linken verbreiteten ideologischen Trugschlüssen ist, muss ihr Video als besonders gefährlich angesehen werden. Der identitären Verballhornung von „Kritik“ muss die Kritik von Verhältnissen, Argumenten und sozialer Praxis entgegengesetzt werden. Nur dann wäre eine Perspektive auf sozialen Widerstand gegen Staat und Kapital zu retten.

(Dabei ist die tatsächliche Allianz mit Querfrontlern wie Kaveh dringend aufzugeben. Insbesondere einige Protagonist_innen eher poststrukturalistischer Kreise sollten sich dringend überlegen, mit wem sie da eigentlich zusammenarbeiten)

Zum Schluss noch eine kleine Hitliste von Liedern die für Thawra und Kaveh als Vorbild gedient haben dürften:

Die Bandbreite, Der Antideutsche

MaKss Damage, Tötet diese antideutschen Hurensöhne

Die Bandbreite, Hobbykommunisten

*Klarstellung: Ursprünglich hieß es, dass das Video vom Berliner Piratenpartei Vorsitzenden Bruno Kramm produziert worden sei. Dies ist jedoch falsch. Bruno Kramm zeigte sich mit „Dance Macabre Record“ verantwortlich für die Eröffnung eines Vertriebskanal für Kaveh und stellte das Studio zum Mastering zur Verfügung. Produziert wurde das Video von Nachtigall Productions, die auch Videos für Sookee, das Berlin Boom Orchestra, Schlagzeiln und Tapete produziert.

6 KOMMENTARE

  1. Sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich denke aber, dass circa 25% der Videoaufrufe von mir und anderen kommen, die dem antisemitischen Schmutz in den Kommentaren verbal das Maul stopfen.

  2. „Geschulte Beobachter_innen erkennen beim Ansehen des Videos, dass auch Protagonist_innen aus eher poststrukturalistischen Strömungen der radikalen Linken hinter Kaveh stehen.“

    Darüber würde ich gerne mehr wissen.

  3. Einige eurer Argumente konnten mich wirklich überzeugen, gerade dass der Text Kritik ohne Argumente äußert und dass Kaveh seine „Lügenpresseansicht“ auch noch vor RT nicht weiter ausformuliert.
    Ich finde es jedoch ziemlich schlecht interpretiert anzunehmen, nur weil sie in dem Lied die arabischen Namen der Städte Jerusalem und Tel Aviv verwendet haben, sie würden sich ebendiese oder auch den ganzen Raum arabisiert wünschen. In Palästina leben neben Moslems immerhin auch Christen, die gegen die Siedlungspolitik kämpfen. Dieser Kampf impliziert NICHT so wie die Hamas in ihrer Charta fordern eine komplette Auslöschung der Juden in diesem Gebiet. Ich glaube Thawra und Kaveh haben sich da sehr ungeniert gezeigt, aber ich denke nicht dass ihre Intention irgendwelche antisemitischen Hintergründe hatte.

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