Flucht treibt mal wieder in Plauen regelmäßig tausende Menschen auf die Straße. Doch ausnahmsweise sind es mal nicht die Vogtländer, die aus ihrem sozial erodierten Landstrich fliehen wollen. Stattdessen wollen sie verhindern, dass Menschen ins Vogtland fliehen. Dazu versammeln sie sich seit 11 Wochen jeden Sonntag unter dem Titel „Wir sind Deutschland – nur gemeinsam sind wir stark!“.

Das Vogtland ist ein entvölkerter Landstrich. Armutsmigration trieb viele nach Westdeutschland, auch heute noch. Daneben wohnen einige noch im günstigen Vogtland, aber pendeln zur Lohnarbeit ins wirtschaftsstärkere, angrenzende Bayern. Dort liegen die Löhne teils um die 40 Prozent höher. Etwa jede 6. Wohnung im Vogtland steht leer, doch dort neue Bewohner*innen einziehen lassen, wollen viele Vogtländer*innen nicht. Sie machen mobil, sowohl über die Woche verteilt in kleineren Gemeinden und Städten, als auch immer sonntags in der Kreisstadt Plauen.

Verkehrte Verhältnisse heute.
Verkehrte Verhältnisse heute.

Bereits auf der Autobahn macht ein Schild deutlich, an welchem besonderen Ort man sich nun befindet: Plauen. 7.10.1989 Friedliche Revolution. Darüber klärt mich auch dankenswerter Weise ein älterer Herr vor Beginn der 11. Kundgebung am 29.11. zu Klängen von „Die Bandbreite“ auf: „Alle denken immer in Leipzig hätten die ersten Demonstrationen stattgefunden, dabei war’n die hier bei uns in Plauen! Wir war’n schon immer vorweg!“ Logisch also, dass es auch hier eine Kundgebung im PEGIDA-Stile gibt, wobei ein weiterer älterer Herr Anfang 50 mich ungefragt darauf aufmerksam macht, dass die Veranstaltung hier nicht PEGIDA sei. Im nächsten Satz erklärt er mir sogleich, dass er auf der Demo sei, weil „jeder Ausländer hier unkontrolliert reinströmt.“ Ein großes Problem, schließlich kenne er die ganzen Menschen, denn er sei früher zur See gefahren und in Syrien, Algerien und dem Irak gewesen. Von dort kämen nur „Familienclans, die sich untereinander bekriegen“ und: „Nächstenliebe gibt’s bei denen net. Die bringen ihren Krieg mit hier her.“

An PEGIDA erinnert bei der Demonstration jedoch vieles. Sowohl die Zusammensetzung des Publikums, die Wortwahl und Themen der Redner*innen, als auch der gesamte Veranstaltungsablauf.

Frauen und Kinder bitte weiter gehen.
Frauen und Kinder bitte weiter gehen.

Der Inhaber eines hippen Cafés neben dem Kundgebungsort spricht davon, dass die Demo „Leute wie Du und ich, wie unsere Eltern“ organisieren würden. „Das läuft alles ganz smooth ab. Kaum Polizei und jeder darf seine Meinung am Mikrofon sagen, da wird keiner unterbrochen.“ Diese Möglichkeit nutzte in den letzten Wochen bereits ein illustrer Haufen deklompexisierender Publizisten und kommunaler Rassist*innen. Der Café-Inhaber erklärt mir weiter, dass er ein weltoffener Mensch sei und in seinem angrenzenden Modegeschäft bei Nazi-Demos, Puppen mit entblößtem Arsch ins Fenster gestellt habe. In seinem Café, das auch von der Plauener linken Szene frequentiert wird, sei ihm mit Boykott gedroht worden, wenn er „Wir sind Deutschland“ unterstützen würde. Er jedoch schenkt weiter fröhlich Kaffee an die Organisatoren aus, die er teilweise kennt, was in Plauen auch kaum ausbleibt.

„Dialog ist das wichtigste.“, erklärt er. „Ich hab Freunde aus verschiedenen Ländern, die setz ich alle beim Bier zusammen.“ Den Medien könne man jedoch nicht mehr vertrauen. Seinen Fernseher habe er „wie den Tannenbaum bei der IKEA-Knut-Woche“ aus dem Fenster geworfen. Die Nachrichten führten doch nur zu Vereinzelung und Verunsicherung. „Ständig nur Krieg und Terror im Fernsehen und das Gerede uns geht’s hier doch so gut. Dabei ist der erkämpfte Frieden das einzig Positive.“ Zu den Gründen der Demo erklärt er, dass die Politik die Leute nicht abgeholt habe. Er sei es ohnehin Leid über Politik zu streiten.

Schlange stehen zum Unterschreiben

Das sind auch die Redner*innen, die in trauter Eintracht dem überwiegend männlichen Publikum gleich zwei Resolutionen präsentieren, die dieses eifrig in Reih und Glied unterschreibt. Ob alle knapp 800 Unterzeichner*inenn aus 120 Ortschaften die Resolution zuvor lasen, darf bezweifelt werden. Natürlich stehen sie hier friedlich und gewaltfrei, denn darauf legen die Nachfahren der „friedlichen Revolution“ Wert. Eine Anknüpfung an das Extremismus-Theorem, das mit seiner fatalen singulären Sicht auf Gewaltverhältnisse tief in der deutschen Gesellschaft verankert ist und der bürgerlichen Mitte als wichtigster ideologischer Bezugspunkt dient. Daran knüpft die selbsterklärte „Neue Mitte“ von WSD an. „Nicht ganz rechts, nicht ganz links. Nicht ganz Gutmensch, nicht ganz Pack.“, so sieht sich das zänkische Bergvolk des Vogtlandes selbst.

Oheim präsentiert die Plauener Resolutionen.
Oheim präsentiert die Plauener Resolutionen.

Michael Oheim leitet die Veranstaltung mit dem Vortragen einer 17-Punkte umfassenden „Resolution zur Flüchtlings- und Asylpolitik“ ein, die den Forderungen von PEGIDA in wenigem nachsteht. Gefordert wird eine restriktivere Asylpolitik, wie beispielsweise die Erklärung Tunesiens, Algeriens und Marokkos zu sicheren Herkunftsstaaten. Dem neuesten rechten Trend folgend, wird die Prüfung einer Verhaftung Angela Merkels gefordert. Und natürlich wird daran erinnert, dass Deutschland immer noch besetzt sei.

Nicht ganz rechts, aber fast – Gunnar Gemeinhardt.

Anschließend darf Gunnar Gemeinhardt die Veranstaltung moderieren, was in diesem Falle heißt, dass er immer mal wieder einwirft, welche Lokalpolitiker*innen, Pressevertreter*innen und Facebook-Seiten ihn diffamiert hätten. Zu Beginn stellt Gemeinhardt nochmal klar, dass ihm der Islam als ganzer Angst mache. Dafür erhält er starken Applaus. Dieser brandet im weiteren Verlauf generell immer dann besonders stark auf, wenn offen rassistische Aussagen getätigt werden.

Sven Gerbeth (FDP)

Recht wenig Applaus erhält der zweite Redner, FDP-Kreisrat Sven Gerbeth, der das Grundgesetz gegen Extremisten und Ausländer verteidigen will. Von der Bundeskanzlerin hätte sich Gerbeth die Parole „Ich weiß nicht, ob wir es schaffen, aber wir werden unser Möglichstes tun.“ gewünscht. Zudem sei er als Kommunalpolitiker von Bund und Ländern enttäuscht und wünsche sich mehr finanzielle Zuwendungen. Ein Verteilungsstreit der föderalistischen Bundesrepublik, der seit ihrer Gründung anhält.

Zum nächsten Redner überleiten darf dann wieder Moderator Gemeinhardt, der den auch bei Burschenschaften auftretenden Hamed Abdel-Samad zitiert, dass Islam & Islamismus zusammen gehören, was ihm starken Applaus beschert. Doch dieser ist noch kein Vergleich zum Gejohle und Gepfeife, das der nächste Redner erzielt.

Kennt alle Gesetze – „Curd Schumacher“

Curd Schumacher, Pseudonym eines rassistischen Video-Bloggers aus Bergheim bei Köln, gibt dem Publikum das gewünschte Entertainment. Er relativiert zunächst die Existenz von Nazis, um sogleich festzustellen, dass die wahren Nazis in den Parlamenten säßen. Anschließend legt er richtig los. „Ich hab mir alle Gesetze durchgelesen.“, tönt er und komme nur zu einem Entschluss: „Merkel gehört hinter Gitter!“ Das Publikum klatscht frenetisch und pfeift, was Schumacher dazu ermutigt noch einen drauf zu legen. Die Deutschen sollten sich gerade machen und notfalls in den Krieg wandern. Weiter fantasiert er im faschistischen Duktus, dass es Zeit für eine neue Gesellschaftsordnung sei, wie Marx und Engels sie einst geschaffen hätten – bloß nicht kommunistisch. Irgendwann sollten zudem unabhängige Kandidaten in die Parlamente einziehen. Im PEGIDA-Stil veralbert er Politikernamen, was ihm einiges an Gelächter einbringt und spricht den sächsischen 89er Mythos an: „Hier in Sachsen strahlt das Licht der Revolution heller als irgendwo anders in Deutschland.“ Plauen liegt ihm zu Füßen, anderswo wird die Helligkeit der Proteste in Sachsen dann doch eher in Frage gestellt.

Stolz verweist Gemeinhardt anschließend auf WSD-Ableger in anderen Städten. Doch deren Teilnehmendenzahlen kommen nur rund 200 Menschen zusammen. Zudem beschwert er sich über irgendwelche Farbanschläge von „Feiglingen“ und jammert über angebliche Lügen von Politiker*innen und Journalist*innen. Er sei Opfer einer Hetzkampagne, so wie es die Juden gewesen seien.

Jens Heinritz mit WSD Merch ausgestattet.

Mitorganisator Jens Heinritz verliest die gemeinsame Resolution von WSD und „Bürgerplattform Demokratische Erneuerung“, die mit drei Punkten Fluchtursachen bekämpfen möchte, die deckungsgleich mit Aussagen der Bundesregierung sind, außer einem geforderten Waffenexport-Stop. Hier soll wohl die „linke Seite“ WSDs durchschimmern.

Entdeckten die Lissabon-Verträge.
Entdeckten die Lissabon-Verträge: Jörg Förster & Dirk Spengler.

Das nächste Rednerpaar, Unternehmens-Coach Dirk Spengler und Ingenieur Jörg Förster, klärt auch kräftig auf: Sie werben für Jürgen Todenhöfers Thesen und betonen, dass auch geopolitische Interessen im Krieg in Syrien und dem Irak eine Rolle spielen würden. Anschließend versuchen sie sich an einer Dekonstruktion des Rechtsextremismus-Begriffs, was ihnen erwartungsgemäß nicht gelingt. Stattdessen bagatellisieren sie rassistische Äußerungen und stellen fest, dass alle ihre Freunde Rechtsextreme seien. Sie fragen sich: „Soll das spalten?“ das wollen sie unter keinen Umständen! Und kommen in einer kruden Herleitung darauf, dass die Richtlinienempfehlung einer EU-Kommission zur Bekämpfung struktureller Diskriminierung, doch die eigentliche Diskriminierung sei. Schließlich wären sie mit ihrer Meinung auch eine diskriminierte Minderheit. Zur Bekräftigung wird ein EU-Stasi-Vergleich bemüht. Wie viele ehemalige Stasi-Mitarbeiter im Publikum sind, ist derweil nicht bekannt.

Die beiden berichten auch darüber, dass sie durch Zufall im Netz auf ein brisantes Dokument gestoßen seien: Den Lissabon-Vertrag und dessen scheinbar ungeklärtes Verhältnis zum Grundgesetz. Das Lieblingsspielfeld von rechten Akteuren: Der drohende Verlust nationaler Souveränität. Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen EU- und deutschem Recht in vielen Fällen strittig. Und in anderen europäischen Staaten gab es über die Annahme der supranationalen Verträge Referenden, die es der Meinung der Redner nach auch in Deutschland hätte geben müssen. Sie schließen ihre Rede mit dem Appell „Nutzt mehrere Infokanäle.“ Und „Lasst Euch nicht spalten.“ Die Plauener Volksfront ist begeistert und ein Stückweit weiser. „Wir lassen uns das Denken nicht verbieten“, sprechen die beiden noch als abschließendes gemeinsames Mantra.

Gemeinhardt dankt den beiden für ihren „sehr wissenschaftlichen Vortrag“, der vieles, aber nicht wissenschaftlich war. Er nutzt seine Überleitung auch gleich nochmal, um sich als Opfer von anonymer Hetze auf Facebook darzustellen. Daraus leitet er ab, dass es nur noch erlaubt sein sollte sich mit Personalausweis bei Facebook anzumelden, um Straftaten leichter verfolgen zu können. Höchstwahrscheinlich wären davon auch viele seiner Mitdemonstrierenden auf Grund volksverhetzender Posts betroffen, aber sei’s drum. Law & Order-Forderungen ziehen beim Publikum immer! Weitere solcher Forderungen erspart er dem Publikum in den nächsten Wochen aber. Bis zum 10. Januar habe er doch noch wichtigeres zu tun als in Plauen auf die Straße zu gehen.

Superintendentin Ulrike Weyer wirbt für Dialog. Gemeinhardt schaut wenig begeistert.

In den vergangenen Wochen hatten er und tausende anderer Plauener jedoch nichts Sinnvolleres zu tun, wobei es doch allerlei gäbe. Unterstützung für Geflüchtete zum Beispiel, den Plauener Leerstand sich mit Leben füllen lassen.

Die Superintendentin des Kirchenbzirks, Ulrike Weyer, tritt danach ans Mikrofon und dankt dem Publikum für die Wahrnehmung ihrer demokratischen Grundrechte und Beharrlichkeit. Darüber versucht sie die beginnenden monatigen Dialog-Gespräche im soziokulturellen Zentrum Malzhaus zu bewerben. Anschließend singt sie ein Loblied auf die demokratischen Strukturen der Bundesrepublik, die Demonstrationen ermöglichen, jedoch auch bedeuten persönlich Verantwortung für demokratische Strukturen zu übernehmen. Sie appelliert dabei an drei demokratische Grundsätze: Friedlichkeit, Meinungsbildung und deren Revision, sowie den Respekt vor der Würde des anderen. Sie vertraue darauf, „dass die Menschen in diesem Land dies können“. Die rassistischen Blockaden, Brandanschläge und Gewalttaten von „Asylkritikern“ sprechen jedoch eine andere Sprache.

Die erste Dialogveranstaltung im Malzhaus am Dienstag, zeigte dann auch deutlich, dass WSD keinen Dialog wünscht, sondern die Durchsetzung seiner Forderungen sehen möchte.

Ulrich Lupart (DSU)

Zum Kundgebungsabschluss wird’s nochmal richtig besinnlich an diesem ersten Advent. Der ehrenamtliche Reuther Bürgermeister Ulrich Lupart, der der nationalkonservativen Kleinstpartei Deutsche Soziale Union (DSU) angehört, dankt den Organisatoren Meinhardt und Oheim für ihr Engagement und übergibt gebasteltes Zeug von einem anonymen Paar als Geschenk mit der Aufschrift „Plauen zeigt wie’s geht“, eine direkte Anknüpfung an das PEGIDAsche „Dresden zeigt wie’s geht.“ Ein regionaler Wettbewerb um das erfolgreichste völkische Exportgut Sachsens, könnte man meinen. Lubbert schließt seine kurze Dankesrede mit festem Blick über das Publikum und der Forderung „Frau Merkel, geben Sie dem Volk ein Weihnachtsgeschenk und treten sie zurück!“. Unter donnerndem Applaus verlässt er das Rednerpult.

Rhetorisch ungelenk zitiert Gemeinhardt nochmal den beliebten PEGIDA-Onkel Prof. Werner J. Patzelt und strahlt mit einer Taschenlampe ins Publikum. Dieses leuchtet zurück und macht sich zu Didi Hallervordens Klängen in Windeseile auf zum Weihnachtsmarkt.

Widerspruch gegenüber der völkischen Veranstaltung tauchte in Plauen nicht auf. Stattdessen zeigte sich die Stadtgesellschaft in verschworener, aufgeklärter Eintracht.

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