Der so genannte „Schweigemarsch für das Leben“ in Annaberg-Buchholz zog in diesem Jahr bereits zum siebten Mal hunderte christliche Fundamentalist*innen und sonstige Sexist*innen an.  500 von ihnen zogen am 6. Juli 2016 durch die Stadt im Erzgebirge. 400 Menschen beteiligten sich an einer feministischen Demonstration gegen den Schweigemarsch, der es gelang durch lautstarken und gut sichtbaren Protest die patriarchale Inszenierung empfindlich zu stören.

Auf einem Parkplatz nahe des Erzgebirgsklinikums sammelten sich die Fundamentalist*innen. Vor allem Familien aus dem Erzgebirge, die mit ihren privaten PKWs anreisten, waren dort zu sehen. Ohne die zahlreichen Kinder lag der Altersschnitt bei geschätzten 60 Jahren. Pünktlich gegen 18 Uhr eröffnete der Versammlungsleiter Thomas Schneider aus Breitenbrunn die Demonstration. Sich sichtlich ernstnehmend in seiner Rolle als Versammlungsleiter wies er darauf hin, dass er „die volle Verantwortung“ für die Versammlung trage und dass alle unbedingt den Weisungen von Polizei und Ordner*innen Folge leisten sollten. Schweigend setzte sich der Marsch wenig später in Bewegung. Es wurden zahlreiche Schilder gezeigt mit Aufschriften, die sich gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch aber auch gegen Präimplantationsdiagnostik richteten. Auf einem Seitentransparent war zu lesen: „Willkommenskultur für Neugeborene“. Dies und ein Schild mit der Aufschrift „Babies welcome“ stellten offensichtliche Anlehnungen an die politischen Auseinandersetzungen um das Recht auf Asyl dar.

Bereits ab 17 Uhr hatten sich die Teilnehmer*innen der feministischen Demonstration unter dem Motto „Emanzipation ist viel Geiler“ gesammelt. Sie wurden jedoch von der Polizei – aus offensichtlich einsatztaktischen Gründen – lange am Loslaufen gehindert. So konnte der Aufmarsch der „Lebensschützer“ an der feministischen Auftaktkundgebung vorbeiziehen und die Feminist*innen verpassten die einzig realistische Gelegenheit, die Demonstration zu blockieren. Dennoch störten sie den Schweigemarsch bereits zu diesem Zeitpunkt einigermaßen lautstark.

Die Abschlusskundgebung des Marsches für das Leben fand vor einer Kirche in der „Innenstadt“ statt. Dort eröffnete erneut Thomas Schneider die Kundgebung mit seiner Rede. Er betonte die neue Überparteilichkeit des Marsches für das Leben. In den vergangenen Jahren war die Demo von den Christdemokraten für das Leben (CDL), einer CDU-Unterorganisation, veranstaltet worden. Seit diesem Jahr ist der neue Veranstalter der Verein Lebensrecht Sachsen. Schneider, der auch Vorsitzender der CDL-Erzgebirge ist, ist ebenfalls Vorsitzender des neu gegründeten Vereins. Nach Schneider sprach der Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenbezirks Annaberg Udo Richter zu den Teilnehmer*innen. Während Richters Rede erreichte die feministische Demonstration den Kundgebungsort der Fundamentalist*innen. Abgetrennt von Hamburger Gittern und Bullenwagen äußerten jene lautstark ihren Protest. Mit Parolen wie „Wir haben Spaß und ihr habt Jesus“, „Kondome, Spirale, Linksradikale“ und „gegen jeden Fundamentalismus, nieder mit Deutschland und für den Feminismus“ machten sie es den 500 „Lebensschützern“ schwer der Rede zu folgen. Auf Richters Rede folgte ein Gespräch mit einer Hebamme am Mikrofon über die „Beratung“ von abbruchswilligen Schwangeren. Freilich sah das Narrativ der Hebamme so aus, dass die Frauen immer darin „bestärkt“ werden müssten, sich „für das Kind“ zu entscheiden – gegen allen negativen sozialen Einfluss von außen. Die letzte Rede hielt der Bundesvorsitzende des Lebensrecht e.V. Martin Lohmann. Diese wurde noch lauter gestört als die vorhergehenden. Während Lohmann über „Normalität“, den Herrn und „Extremismus“ sprach, zündeten die Gegendemonstrant*innen mehrere lila Pyros, die optisch einiges hermachten. Lohmann betonte man müsse den Gegendemonstrant*innen mit Nächstenliebe begegnen, sie seien schließlich „nicht böse, sie sind irregeleitet“. Sie würden „schreien, weil man ihnen den Auftrag dazu gegeben hat“ und sie wüssten „nicht auf welcher Veranstaltung sie sind“. Das erinnert, wenn auch in sanfterer Form, durchaus an die Fantasien von einem vermeintlichen „Antifa e.V.“, die regelmäßig auf *GIDA-Demonstrationen zu hören sind. Lohmann schloss seine Rede mit dem Aufruf, am 17. September am Marsch für das Leben in Berlin teilzunehmen.

Die Polizei filmte die Gegendemonstration immer wieder ab, während der Schweigemarsch vollkommen unbehelligt von jeglichen Repressionen blieb.
Die Polizei filmte die Gegendemonstration immer wieder ab, während der Schweigemarsch vollkommen unbehelligt von jeglichen Repressionen blieb.

Unter lauten „Haut ab“-Rufen beendeten die Fundamentalist*innen um 19:30 ihre Veranstaltung wie geplant. Die linksradikale Demonstration zog noch weiter zum Markt, wo unter anderem eine Rede gehalten wurde, die sich kritisch mit den ableistischen Konsequenzen der Präimplantationsdiagnostik, aber auch mit der Instrumentalisierung dieser Thematik durch fundamentalistische Abtreibungsgegner*innen, auseinandersetzte. Unter Parolen wie „hinter dem Faschismus steht der Kardinal, der Kampf um Befreiung ist antiklerikal“ zog die Demonstration erneut zu ihren Startpunkt. Unter leichten Schikanen der anwesenden Polizeikräfte konnten die größtenteils von außerhalb angereisten Aktivist*innen Annaberg-Buchholz wieder verlassen. Zwar konnte der Aufmarsch der Fundamentalist*innen nicht verhindert werden, allerdings gelang es den Feminist*innen ihn massiv zu stören. 400 Menschen für eine feministische und linksradikale Demonstration in die tiefste sächsische Provinz zu mobilisieren kann als wichtiger Erfolg für die radikale Linke in der Region angesehen werden und zeigt nach dem 1. Mai in Plauen, dass auch im vermeintlichen Hinterland mit Widerstand gegen Rassismus, Sexismus und reaktionäre Politik zu rechnen ist.

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