Hamburg im Ausnahmezustand: Die Polizei greift eine linksradikale Demonstration an, verhindert antikapitalistische Camps, schränkt die Pressefreiheit ein und nimmt Tote in Kauf. Gerade die Berichterstattung zur Welcome to Hell Demo hat gezeigt: Die politischen Kräfte, die die Entscheidung trafen, eine Demonstration angreifen und auflösen zu lassen, haben nur ein Ziel, das sie derzeit auch erreichen.

Die Debatte darum, was eine kapitalistische Gesellschaft anrichtet, bleibt nämlich aus. Medienschaffende sind vor allem damit beschäftigt über die Verhältnismäßigkeit des Polizeieinsatzes und über Gewalt im Rahmen von Demonstrationen zu berichten. Dabei ist es gar nicht unbedingt die Aufgabe ausschließlich das zu thematisieren, denn viele Menschen, die gegen das Konstrukt der G20 protestieren, haben konkrete Antworten auf alle Fragen, die die Welt beschäftigen. Klimawandel, Geflüchtetenbewegungen, Islamismus, Rassismus, Antisemitismus, Patriarchat, Gleichberechtigung, Bildung, die Liste ist lang. An diesem Wochenende kommen aus vielen sozialen Bewegungen Menschen zusammen, die sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigen. Viel zu naiv und unreflektiert gehen daher auch viele Journalist*innen mit den G20-Protesten um. Sie verstehen sie oft als Kritik an den G20, dabei handelt es sich um eine Kritik an der Gesellschaft. Die anhaltende Berichterstattung über polizeiliche Ausschreitungen verdeckt – ganz im Sinne derjenigen, die den Kapitalismus erhalten wollen – die Debatte. Hier liegt ein Problem: die Demonstrant*innen haben ein Recht darauf sich zur Wehr zu setzen, sie tun das gegen die alltägliche Gewalt über die nicht oder selten berichtet wird, seien es etwa tausende Tote im Mittelmeer oder kapitalistische Produktionsverhältnisse, die etwa Hunger oder Zwangsarbeit zur Folge haben. Diese Zustände sind so normativ geworden, dass sie im Alltag der meisten Menschen keine Rolle mehr spielen.

Wenden die Demonstrierenden also Gewalt an, als Widerstandsmittel, bewegt sich die Berichterstattung weiter im Kreis um die Legitimation von Gewalt bei Demonstrationen. Es fehlt an journalistischer Distanz einerseits zu jenen, die derzeit die politischen Entscheidungen treffen, andererseits zur Polizei, die überwiegend als Instanz für die Sicherheit der Menschen angesehen wird. Die Haltung von Journalist*innen wird dort sehr deutlich: Dankbarkeit, unabhängig davon ob diese, wie viele andere auch, einfach nur ihre Lohnarbeit verrichten. Viele die hier demonstrieren, tun das neben ihrem alltäglichen Leben in Lohnarbeit und/oder Armut. Bedenkt man dass die Hamburger Polizei in einigen Fällen Tote in Kauf genommen hat, sind die einzigen, die derzeit Dankbarkeit verdienen die Menschen, die hier demonstrieren, auf welche Art auch immer, ob mit oder ohne Gewalt. Was sie verdienen, ist das man sich mit ihren Visionen für eine Gesellschaft ohne Kapitalismus, auseinander setzt. Wer das nicht tut, läuft Gefahr die journalistische Sorgfaltspflicht zu verletzen. Journalismus hat nicht die inkludierte Aufgabe pazifistisch zu sein oder Gewalt abzulehnen, nur weil politische Entscheider*innen erklärt haben, dass Gewalt kein Mittel der politischen Auseinandersetzung sei, während es von selbigen jeden Tag genau zu diesem Zweck verwendet wird.

4 KOMMENTARE

  1. kann das sein, das du in deinem Artikel hier die Inhalte der Kritik auch nur anreisst, die vorgeschlagenen Alternativen auch nicht vorstellst und gemeinhin auh nur auf die „Gewalt“ abhebst?

    • „Viele Menschen, die gegen … G20 protestieren, haben konkrete Antworten auf alle Fragen, die die Welt beschäftigen.“ Ich finde es gruselig, wenn Menschen glauben, fertige Antworten für alles zu haben. In Wahrheit basieren diese Antworten i.d.R. auf einem allzu naiven Weltbild und sind für die Praxis wertlos. Dazu kommt noch die tiefe und unerschütterliche Überzeugung, garantiert immer recht zu haben (weil man ja ein guter Mensch und links ist usw.). Das zeigt sich schon an der einleitenden „Empfehlung“ des Autors, die Gewalt einfach hinzunehmen und mal eben darüber zu debattieren, „was eine kapitalistische Gesellschaft anrichtet“. Geht’s noch? Den Antwort-auf-alles-Inhabern ist offenbar nicht klar, dass jeder Staat zuerst mal sein Gewaltmonopol verteidigt und sich ganz sicher nicht von Steinewerfern zum Diskutieren einladen lässt. Und dann soll ich mir die Antworten von jemandem anhören, der nicht einmal dieses Basis-Wissen mitbringt? Das ist entweder unglaublich arrogant oder unglaublich dumm. Ich bin mir noch nicht sicher, was zutrifft.
      P.S.: Und bitte hört mit diesem Gender-Sternchen-Scheiß auf. Und bitte setzt Kommas, wo sie hingehören, etwas damit man den ohnehin wirren Gedanken etwas besser folgen kann.

  2. Ja, Kapitalismus ist schlecht und ungerecht. Aber was soll die Alternative sein? DDR, Nordkorea, Kuba, Venezuela – immer ist es schief gegangen und die Menschen waren noch ärmer und unglücklicher als im Kapitalismus. Ich würde gerne (nur zur Sicherheit) ein einziges funktionierendes Beispiel für eine Alternative sehen, bevor wir unser „kapitalistisches System“ in der BRD über den Haufen werfen. Zur Gewalt: Gehwegplatten von Dächern auf Menschen werfen, Menschen Sprengsätze ins Gesicht werfen, Stahlkugeln auf Menschen schießen sind alles Handlungen die Tote in Kauf nehmen. Das durch gar nichts zu rechtfertigen aber genau das tut der Sprecher der Flora, Beuth, gerade. Diese autonome Bewegung kotzt mich nur noch an.

  3. Also ich stimmt da größtenteils zu aber Dankbarkeit verdienen diejenigen, die unter Wohnhäusern (das noch in solidarischen Szenevierteln) Lagerräume anzünden und wahllos irgendwelche Fahrzeuge zerstören wohl eher weniger. Wenn hier Ware und Einzelhändler als Verkörperung der Verhältnisse fetischisiert werden hat das alles nichts mehr mit ersthaften politischen Bewältigungsversuchen der Verhältnisse zu tun, stattdessen wird einfach ohne jede Rücksicht auf Andere die symbolische Selbstbefreiung inszeniert ohne auf langfristige Konsequenzen zu achten. Dass hierbei Medien und Politik den Anlass gerne nutzen um vom eigentlichen Thema abzulenken ist ein Problem, aber auch eines, das zu erwarten ist. Und eine Linke die sich diesen Problematiken ernsthaft stellen will sollte nicht nur bei der Gegenseitigen Selbstbestätigung verhaftet bleiben.
    Will meinen, wenn man sich als Linke ausschließlich als Gegenreaktion zur Vorherrschenden Gewalt versteht, verliert man die eigene Subjekteigenschaft und spricht sich die politische Selbstverantwortung ab, sinnvolle Alternativen und Antworten auf die Verhältnisse zu Formulieren. Der Gewaltbegriff der hier formuliert wird ist zwar sinnvoll um auf den Sitz Verantwortlichkeit und Macht über die vorherrschenden Verhältnisse hinzuweisen. Für sich allein stehend erklärt er aber die Menschen selbst zum Objekt.

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