Der Vorfall hatte bundesweit Aufmerksamkeit erregt: Anfang Januar 2016 wurden auf das Fenster einer Flüchtlingsunterkunft im hessischen Dreieich bei Offenbach nachts mehrere Schüsse abgegeben. Ein schlafender Asylsuchender wurde durch zwei Streifschüsse leicht am Knie verletzt. Nun ist vor dem Landgericht Darmstadt das Urteil gegen die Täter gefallen. Eine politische Motivation soll bei dem Angriff keine Rolle gespielt haben. Doch es bleiben Fragen offen.

Das Gericht verurteilte den Schützen Daniel S. (28) wegen fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Mittäter Sebastian W. (28) muss wegen derselben Taten und wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz für drei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Der Gehilfe Daniel T. (27) kam mit einer Bewährungsstrafe in Höhe von einem Jahr davon. Die Staatsanwaltschaft hatte die Männer wegen versuchten Mordes angeklagt und in ihrem Plädoyer etwas höhere Freiheitsstrafen gefordert. Das Schwurgericht kam jedoch zu dem Schluss, dass der für eine Verurteilung wegen versuchten Mordes erforderliche Tötungsvorsatz nicht zweifelsfrei angenommen werden könne.

Nach den Einlassungen der Angeklagten soll es sich um eine Eifersuchtstat gehandelt haben. Die Verlobte des Haupttäters Daniel S. soll einen anderen Mann geküsst haben – eine recht „banale Tatsache, die millionenfach passiert“, wie der Staatsanwalt treffend befand. Die fragliche Knutscherei soll bereits ein Dreivierteljahr zurückgelegen haben, trotzdem habe man sich Anfang Januar 2016 dazu entschlossen, dem Nebenbuhler einen „Denkzettel“ zu verpassen. Gemeinsam mit dem Mittäter Sebastian W., von dem auch die Waffe stammte, und dem Gehilfen Daniel T. habe man sich an dem besagten Abend mit Alkohol und Drogen berauscht. Dann sei man gemeinsam aufgebrochen, habe Autokennzeichen geklaut und an das eigene Auto montiert. Daniel S. hätte sich zuvor telefonisch informiert, wo der Nebenbuhler wohne. „Kleiststraße“, habe man ihm gesagt, „Gleisstraße“ jedoch verstanden. Aufgrund des akustischen Missverständnisses habe man also „Gleisstraße“ ins Navigationsgerät eingetippt und sei schließlich bei der Flüchtlingsunterkunft gelandet – es handelt sich um das einzige Wohnhaus in der sonst durch Gewerbe geprägten Straße. Daniel S. feuerte sechs Mal auf Hüfthöhe in das Fenster und rannte zum in der Nähe abgestellten Fluchtwagen, der von Sebastian W. gesteuert wurde. Erst am nächsten Tag hätten die drei Männer aus den Medien erfahren, dass sie wohl nicht das Wohnhaus des Nebenbuhlers, sondern eine Unterkunft für Asylsuchende angegriffen hatten.

Ein politisches Motiv wurde schnell ausgeschlossen

Nach der ersten Festnahme des Verdächtigen Sebastian W., gut zwei Monate nach den Schüssen, hatten sich die Ermittlungsbehörden zu den möglichen Hintergründen der Tat bedeckt gehalten. Nur so viel wurde verraten: Es gebe keine Hinweise auf ein fremdenfeindliches Motiv. Laut exklusiven Informationen von „hr-iNFO“ vermuteten die Ermittler*innen damals ein strittiges Drogengeschäft als Motiv. Das hing wohl damit zusammen, dass Sebastian W. wegen einschlägiger Vorstrafen polizeibekannt ist und bei seiner Festnahme etwa ein Kilogramm Marihuana sichergestellt werden konnte. Die Meldung vom Drogenmotiv wurde von vielen anderen Medien aufgegriffen und ungeprüft weiterverbreitet. In der örtlichen AfD war man deshalb ganz aus dem Häuschen. Die Geschichte von den „Drogengeschäften mit traumatisierten Rapefugees“, wie die Partei auf Facebook schrieb, passte natürlich besser ins Narrativ von den „kriminellen Ausländern“. Spätestens mit der Anklageerhebung war für die Staatsanwaltschaft allerdings klar, „dass nach dem Ergebnis der Ermittlungen Drogengeschäfte bei dem versuchten Mord keine Rolle gespielt haben“. Einen politischen Hintergrund haben die Ermittlungsbehörden aber wohl ebenfalls relativ schnell ausgeschlossen.

Rumballern als „Wehrmacht“

Auch die Angeklagten und ihre Verteidiger wurden von Gericht nicht müde zu betonen, dass sie mit rechtem Gedankengut nichts zu tun hätten. Die familiären Hintergründe des Mittäters Sebastian W. hätten jedoch zumindest einigen Anlass geboten, ein politisches Motiv nicht vorschnell auszuschließen. So hat seine Mutter bei Facebook mehrere Seiten der neonazistischen NPD mit „Gefällt mir“ markiert, seine Schwester teilte in der Vergangenheit regelmäßig flüchtlingsfeindliche Beiträge. Die Facebook-Aktivitäten der beiden Frauen begründen zwar keine Sippenhaft für die politischen Ansichten ihres Bruders oder Sohnes, aber sie lassen den Rückschluss zu, dass Sebastian W. mit rechten und rassistischen Positionen durch sein unmittelbares familiäres Umfeld bestens vertraut ist. Vor Gericht wird bekannt, dass Sebastian W. regelmäßig zusammen mit anderen in einem „Clan“ das Ego-Shooter-Game „Call of Duty“ spielte. Der Haupttäter Daniel S. sei ebenfalls Mitglied in diesem „Clan“ gewesen. Sein Name: „Wehrmacht“. Die Tatsache, dass sich die beiden Männer, die wegen Schüssen auf eine Flüchtlingsunterkunft angeklagt sind, für ihr Team ausgerechnet den Namen der nationalsozialistischen Streitkräfte gegeben hatten, war vor Gericht nur eine Randnotiz.

Was den Schützen Daniel S. und sein Umfeld betrifft, so hat man es mit einer Reihe von Zufälligkeiten zu tun, die einige Fragen aufwerfen und das Festhalten an einem unpolitischen Motiv erschweren: Daniel S. wohnt nur eine Hausnummer entfernt vom Fraktionsvorsitzenden der örtlichen AfD. Kennen sich die beiden Männer? Damit nicht genug: Sein Nebenbuhler, den Daniel S. eigentlich habe angreifen wollen, war als Auszubildender im Jahr 2006 an einem Projekt gegen „Hass und Rassismus“ beteiligt, im Jahr 2016 kandidierte der Mann bei den Kommunalwahlen für die Linkspartei. War Daniel S. über dieses Engagement informiert? Die Verlobte von Daniel S. arbeitet als Erzieherin mit Flüchtlingen, die nur etwa 300 Meter Luftlinie vom späteren Tatort in der Gleisstraße untergebracht sind. Ob sie gewusst hatte, dass es sich bei dem Haus in der Gleisstraße um eine Flüchtlingsunterkunft handelte? Ob sie gar mit Daniel S. einmal darüber gesprochen hatte? Vor Gericht machte die Frau von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Klar ist: Möglicherweise können all diese Fragen ganz einfach mit „Nein“ beantwortet werden – dazu hätte man sie aber stellen müssen.

Unklarheiten und Widersprüche

Zudem gab es einige Widersprüche, die sich vor Gericht nicht auflösen ließen. Unklar blieb etwa, weshalb Sebastian W. an dem fraglichen Abend per Handy an eine Person schrieb, er könne im Chat nicht immer sofort antworten, schließlich seien auch noch drei Personen bei ihm. Gibt es also einen weiteren Täter? Sebastian W. sagte vor Gericht, er habe sich bei der Angabe „drei Personen“ selbst mitgezählt. Unklar blieb auch, wieso bei Sebastian W., der ja laut übereinstimmender Aussagen der Angeklagten nicht selbst geschossen hatte, Schmauchspuren an der Jacke gefunden werden konnten. Unklar blieb außerdem, weshalb das Handy des Schützen Daniel S. nicht in der Funkzelle des Tatorts eingeloggt war, obwohl er kurz vor der Tat noch mit dem im Auto wartenden Sebastian W. telefoniert haben will. Unbeachtet blieben auch all jene Hinweise, die dafür sprechen, dass politische Motive doch eine Rolle gespielt haben könnten. Abgesehen von einer kurzen Erwähnung des „Wehrmacht-Clans“ spielten all diese Erkenntnisse, die für die Ermittlungsbehörden – zumal mit einer eigens eingerichteten 20-köpfigen Soko – leicht recherchierbar gewesen sein sollten, keine Rolle.

Zusammengefasst: Daniel S., ein Nachbar des örtlichen AfD-Fraktionsvorsitzenden, der gerne mal mit seinem Mittäter, welcher aus einer rechten Familie stammt, als Team „Wehrmacht“ virtuell um sich ballert, will auf einen Nebenbuhler schießen, der sich gegen Rassismus engagiert und kommunalpolitisch für die Linkspartei aktiv ist, trifft stattdessen jedoch ein Flüchtlingsheim, das in der Nähe der Arbeitsstelle seiner Verlobten liegt, die wiederum beruflich mit Flüchtlingen zu tun hat. Das können – in der Tat – alles Zufälle sein. Eine schlüssigere Geschichte als die von den Angeklagten präsentierte und vom Gericht akzeptierte vermögen diese Informationen keineswegs zu begründen. Ein Stirnrunzeln hinterlassen sie allemal.

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