Am 18. März wollte die neonazistische Partei „Die Rechte“ durch den alternativen Stadtteil Connewitz demonstrieren. Dabei scheiterten die Neonazis auf ganzer Linie. Weder konnte der Aufmarsch auf der zunächst angemeldeten Route stattfinden, noch erreichte die Anzahl der Teilnehmenden das gewünschte Ziel der Organisatoren. Gegen den Aufmarsch formierte sich ein großer Gegenprotest, dem es aber nicht gelang den Aufmarsch zu verhindern.

Gerade einmal etwa 130 Neonazis aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern und anderen Teilen der Bundesrepublik haben vergangenen Samstag den Weg nach Leipzig gefunden. Der Aufmarsch, den Christian Worch für 400 Neonazis im Bereich Südvorstadt und Connewitz angemeldet hatte, fand trotz mehrerer Klagen seitens der Partei „Die Rechte“ nicht in den gewünschten Stadtvierteln statt. Auch die noch am Vorabend eingereichte Klage beim sächsischen Oberverwaltungsgericht in Bautzen wurde zurückgewiesen und die Neonazis mussten die ihnen zugewiesene Route nutzen. Diese erstreckte vom S-Bahnhof MDR über die Semmelweißstraße, die Straße des 18. Oktober hin zum „Bayrischen Bahnhof“.

Neonazi-Demonstration zieht über die Straße des 18. Oktober
Medialer Hype und Drohungen der Polizei im Vorfeld

Schon einige Tage vor dem Aufmarsch rückte das Thema des im Leipziger Süden geplanten Neonazi-Aufmarsch in den medialen Fokus. Dies lag wohl nicht zuletzt an den massiven Ausschreitungen, zu denen es beim letzten Aufmarsch am 12. Dezember 2015 gekommen war.
Diese Ausschreitungen nutze die Polizei als Argument, um den Leipziger Süden bereits einen Tag vor der Demonstration zu einen Kontrollbereich zu erklären. Das verschaffte den Polizeieinheiten die Möglichkeit, zahlreiche Menschen ohne jegliche Verdachtsmomente einer Personenkontrolle zu unterziehen. Bereits am Freitagabend wurden im Stadtteil Connewitz zahlreiche Menschen verdachtsunabhängig kontrolliert. Auch Hinterhöfe von Wohnhäusern sollen durchsucht worden sein.
Das am Anfang der Woche veröffentlichte Statement des Polizeisprecher Andreas Loepki klang danach, dass jeder am Tag selbst sich auch vor den Polizeieinheiten in Acht nehmen sollte. Er sagte unter Anderem: „[…] wer eine Solidarisierung am Landfriedensbruch für gerechtfertigt hält oder seine nackte Schaulust befriedigen will, soll dann bitte später nicht darüber klagen, wenn er seitens der Polizei in der Anwendung unmittelbaren Zwangs betroffen wurde.“

Hunderte Menschen trotz Einschüchterungsversuchen auf Gegendemo

Dennoch versammelten sich bereits am Vormittag des 18. März etwa 600 Menschen, um sich der Gegendemonstration von „Leipzig nimmt Platz“ anzuschließen. Lautstark zog die Demonstration vom Wilhelm-Leuschner-Platz im Zentrum-Süd in Richtung Auftaktkundgebung der Neonazis. Dort verweilte ein Teil der Gegendemonstrant*innen, bevor sie sich auf dem Weg in Richtung der vollkommen mit Hamburger Gittern gesichtete Route begaben.
Trotz der massiven Absicherung der Route gelang es mehreren, wenn auch nicht vielen Menschen, diese zu überwinden und die Strecke des Naziaufmarsches kurzzeitig zu blockieren.

Hunderte Menschen beteiligten sich an der Gegendemonstration
Der Naziaufmarsch

Bereits kurz nach 12:30 Uhr trafen die ersten Teilnehmer des Aufmarsches ein. Diese hatten sich allen Anschein nach zunächst im Leipziger Hauptbahnhof getroffen, um gemeinsam mit der S-Bahn zum Ort der Auftaktkundgebung zu fahren. Nach deren Ankunft standen sich die Neonazis zunächst die Beine in den Bauch und Worch versuchte sich auf Englisch in einem Interview zu artikulieren. Der zu dem Zeitpunkt teilweise stark einsetzende Regen bestärkte die Vermutung, dass der ganze Aufmarsch ins Wasser fallen würde und „Die Rechte“ sich zur Lachnummer des Tages entwickeln würde.
Unter vermehrten „Nie wieder Israel“-Rufen setzte sich schließlich die Demonstration mit etwa 130 Neonazis in Bewegung. Die Demonstration war in zwei Blöcke aufgeteilt. An der Front liefen Parteikader wie Rolf Dietrich, dahinter fuhr der in Erfurt angemietete Lautsprecherwagen, hinter dem ein schwarzer Block mit einem erst kürzlich gesuchten Neonazi am Fronttransparent lief. Des Weiteren beteiligten zwei Anti-Antifa-Fotografen, wie beispielsweise der mehrfach vorbestrafte Kai Mose am Aufmarsch. Diese fertigten immer wieder Fotos von Gegendemonstrant*innen und den anwesenden Journalist*innen an und veröffentlichten diese später auf einschlägig bekannten Internetseiten. Auch Michelle S., die regelmäßig als Ordnerin bei Legida auftrat und bei der „Bürgerbewegung Grimma“ aktiv ist, beteiligte sich, wie auch Ex- Legidachef Silvio Rösler, an der Demonstration. Die „Brigade Halle“ war trotz vorheriger Ankündigung nicht nach Leipzig gereist. Warum der ehemalige Landesvorsitzende Alexander Kurth dem Aufmarsch fern blieb, ist aktuell Spekulationssache.
Nach Beginn des Aufmarsches wurden mehrfach die zahlreich anwesenden Journalist*innen angegangen und Michel Fischer, stellvertretender Vorsitzender des Landesverband Thüringen, musste mehrfach die Teilnehmenden darauf auffordern geschlossen zu laufen. Nach knapp 600 Metern, auf denen die Neonazis aber auch wirklich niemand erreichen konnten außer sich selbst, fand die einzige Zwischenkundgebung an der Ecke Semmelweiß-Straße/Straße des 18. Oktober statt. Hier sprachen die Funktionäre der Partei „Die Rechte“ Uli Carsten Bayer, Michel Fischer, Philipp Hasselbach und Sascha Krolzig, bevor sich der Aufmarsch auf den Weg zur Abschlusskundgebung am Bayrischen Bahnhof machte.
Auf der Abschlusskundgebung sprachen Christian Worch, Holger Niemann sowie erneut Michel Fischer und Uli Carsten Bayer. Hierbei wurde den anwesenden Neonazis für ihre an den Tag gelegte Disziplin, trotz zahlreicher Verstöße gegen die internen Auflagen (Verbot von Rauchen, Jogginghosen und Bomberjacken) der rechten Organisatoren gedankt.

Am Rande des Aufmarsches kam es zu zahlreichen Protesten
Gegenproteste direkt am Naziaufmarsch

Zeitgleich versammelten in Hör- und Sichtweite mehrere hundert Menschen, um lautstark gegen den Naziaufmarsch zu demonstrieren. Nachdem die Zwischenkundgebung beendet wurde, entwickelte sich der Aufmarsch zu einer Art Spießrutenlaufen für die Neonazis. An der komplett durch die Polizei gegitterten Straße des 18. Oktober versammelten sich hunderte Gegendemonstrant*innen, um ihren Protest gegen den Aufmarsch kund zu tun. Hierbei flogen auch Wasserbomben auf die bereits vom Regen und kurzem Hagel völlig durchnässten Neonazis.
Zu den von der Polizei prophezeiten Ausschreitungen kam es nicht. „Dem wurde auch damit vorgebeugt, dass heute antifaschistischer Protest in Hör- und Sichtweite ermöglicht wurde“, so die Landtagsabgeordnete Juliane Nagel.

Weitere rechte Demonstrationen angekündigt

Obwohl die Demonstration als kompletter Reinfall zu betrachten ist, kündigten gleich mehrere Vertreter der Partei weitere Demonstrationen in der Messestadt an. Allen voran Connewitz wurde mehrfach als Ziel genannt. Zuvor, und zwar am 1. Juli, wollen diese erst einmal in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt aufmarschieren, so Fischer in seinem letzten Redebeitrag. Bereits einen Tag nach der Demonstration in Leipzig veröffentlichte die Neonazipartei diesbezüglich einen Flyer und einen Aufruf unter dem Motto „Volkswirtschaft statt Finanzlobby“ auf ihrer Website.

Michel Fischer kündigt eine überregionale Nazidemo für den 1. Juli in Erfurt an
Große Solidarität auch nach der Demonstration

Obwohl es an diesem Tag nicht zu heftigen Ausschreitungen wie am 12. Dezember 2015 kam, gab es trotzdem etwa 15 Ingewahrsamnahmen. Um die Betroffenen der Repressionen nicht alleine zu lassen, hatte die Gefangenengewerkschaft GG/BO bereits im Vorfeld eine Kundgebung an. Über 100 Menschen zeigten sich am Abend solidarisch und beteiligten sich an der Kundgebung an der Dimitroff-Wache im Zentrum-Süd. Gegen 20:00 Uhr waren alle Betroffenen wieder auf freien Fuß.

Weitere Fotos gibt es hier: Lionel C. Bendtner, Simon Telemann

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