Rund 200 Neonazis kamen am Samstag, 12. November 2016 zum achten Mal beim sogenannten „Gedenkmarsch“ in Remagen zusammen. Rund 500 Gegendemonstrant_innen standen ihnen gegenüber, äußerten mehrfach und direkt an der Route ihren Protest. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, bei der mindestens eine Person ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Aufmarsch der „Elite“

Remagen war einer von 21 Standorten von Kriegsgefangenenlagern kurz vor und nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Umschrieben werden diese Lager heute mit „Rheinwiesenlager“. Insgesamt waren dort rund 1.000.000 Menschen kurzzeitig untergebracht, darunter vor allem Angehörige der Wehrmacht, Waffen SS, des „Volkssturms“ und verdächtigte Zivilpersonen. Daran erinnert heute noch eine Lehmskulptur, die „schwarze Madonna“, die vom NS-Bildhauer und Ex-Inhaftierten Adolf Wampfer gefertigt wurde und der 1944 in die „Gottbegnadeten-Liste“ aufgenommen wurde. Dabei handelt es sich um eine Ehrung für die in der NS-Zeit wichtigsten Künstler_innen.

Mit schwarzen Fahnen und dem selben Fronttransparent wie in den Jahren zuvor, liefen die rund 200 Neonazis durch Remagen.
Mit schwarzen Fahnen und dem selben Fronttransparent wie in den Jahren zuvor, liefen die rund 200 Neonazis durch Remagen.

Neonazis, aber vor allem die selbsternannte „Elite“ der Szene, begehen nun seit acht Jahren einen „Gedenkmarsch“ und versuchen dabei die Geschichte um zu deuten. Einen nahrhaften Boden dafür sahen sie offenbar auch in den bürgerlichen Gedenken und versuchen seitdem gezielt einen Opfermythos oder gar „Genozid an Deutschen“ zu konstruieren. „Eine Million Tote rufen zur Tat“ heißt es auf dem Fronttransparent des „Gedenkmarsch“. Bundesweit hatten sich am Samstag, 12. November 2016, also Neonazis aus der gesamten Bundesrepublik eingefunden.

Allen voran wird diese Veranstaltung noch immer vom verbotenen „Aktionsbüro Mittelrhein“ getragen, mittlerweile aber tatkräftig von weiteren Neonazis aus Nordrhein-Westfalen in der Organisation unterstützt. So fanden sich neben regionalen Akteur_innen wie Ralph Tegethoff, Anführer der Kameradschaft „Sturm 8/12“, auch neonazistische Parteien von „Die Rechte“, über NPD bis hin zu weiteren sogenannten „freien Kräften“ dort ein. Es handelt sich also nicht nur um ein geschichtsrevisionistisches Event, sondern auch um ein Treffen einiger wichtiger Aktivist_innen aus der Neonazi-Szene.

Ralph Tegethoff hielt in der Nähe der "schwarzen Madonna" eine Rede und verherrlichte dabei den Nationalsozialismus.
Ralph Tegethoff hielt in der Nähe der „schwarzen Madonna“ eine Rede und verherrlichte dabei den Nationalsozialismus.

So resümiert auch das antifaschistische Bündnis „NS Verherrlichung stoppen!“ für diesen Tag: „Mit seiner Zusammenstellung war der Aufmarsch dieses Jahr wieder ein Zusammentreffen der wichtigsten Akteur*innen eines rechten Terrorismus, die die Relativierung der deutschen Verbrechen und die Verherrlichung des Nationalsozialismus eint.“

Proteste, Störversuche und ein Polizeieinsatz

Rund 500 Menschen nahmen am Samstagmittag an den Protesten von „NS Verherrlichung stoppen!“ teil, das unter dem Motto „Rechtsterrorismus bekämpfen!“ zu vielfältigen Aktionen aufrief. Die Polizei hatte sich folglich auf Aktionen und Störversuche vorbereitet und riegelte die Aufzugstrecke der Neonazis hermetisch ab. Etwa zeitgleich mit den Neonazis begann die Gegendemonstration los zu laufen, davon setzten sich immer wieder Teile der Demonstrant_innen ab und versuchten an den Aufmarsch zu gelangen.

Auf dem Bild sind ein Teil der rund 500 Antifaschist_innen zu sehen.
Auf dem Bild sind ein Teil der rund 500 Antifaschist_innen zu sehen.

Auf dem Rückweg der Neonazis gelang es rund 100 Leuten wohl direkt auf die Route der Neonazis zu kommen. Die Polizei beantwortete das mit Gewalt und Pfefferspray, so dass in Folge dessen eine Person ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Schon während sich ein Polizeikessel um die Antifaschist_innen herum formiert hatte, gab es mehrere Meldungen, dass Sanitäter_innen nicht zum Kessel durch gelassen wurden.

Bei einem der Versuche die Versammlung der Neonazis zu stören, ging die Polizei teils unverhältnismäßig gegen Antifaschist_innen vor.
Bei einem der Versuche die Versammlung der Neonazis zu stören, ging die Polizei teils unverhältnismäßig gegen Antifaschist_innen vor.

Das Antifa-Bündnis zeigte sich erschrocken und verurteilte den Einsatz in einem vorläufig abschließenden Bericht. Zudem kritisieren sie, dass sich „Zivilpolizist_innen als Nazis inszenierten und Antifaschist_innen einzeln abfotografierten oder anders versuchten zu provozieren“. Weiter wurden im Bericht Konsequenzen für die Verantwortlichen gefordert. Dass es diese geben wird, erscheint angesichts der Ausführungen der Polizeidirektion Mayen allerdings als höchst unwahrscheinlich. Dort spricht man lediglich von einem „polizeilichen Einschreiten“, die aufgrund der Versuche die Aufzugstrecke zu erreichen „erforderlich“ gewesen seien.

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Leftpictures
Robin Dullinge

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