Echte Gefühle? – Ultràs von RedBull Salzburg zünden Pyro (Bild: Werner100359, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC 4.0)
Echte Gefühle? – Ultràs von RedBull Salzburg zünden Pyro (Bild: Werner100359, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC 4.0)

Die jüngsten Ausschreitungen Dortmunder Fans in Verbindung mit antisemitischen Beleidigungen gegen Anhänger_innen von RB Leipzig sind kein Einzelfall. Die in Fanszenen und Fachmagazinen verbreitete Kritik an RB Leipzig ist nicht nur verkürzt, sondern zutiefst reaktionär.

Ein Gespenst geht um in Fußball-Deutschland. Das Gespenst der Kommerzialisierung in Gestalt des RasenBallsport Leipzig e.V. jagt vom Fußballkultur-Redakteur bis zum harten Kern von Deutschlands Ultrà-Gruppen all jenen einen gehörigen Schreck ein, denen ‚Werte und Traditionen unseres Sports‘ am Herzen liegen. Dass die Identifizierung von sogenannter ‚Kommerzialisierung‘ mit dem Leipziger Brauseklub wohl irgendwie verkürzt ist, ist in weiten Teilen alternativer und antifaschistischer Fanszenen eine verbreitete Auffassung. Aber irgendwie ist es ja auch gut, wenn ‚Kapitalismuskritik‘ im Fußball ankommt, mag sich manch eine_r denken. Und so stimmt man auch in Sankt Pauli und Düsseldorf mit ein, wenn Deutschlands Fanszenen vereint gegen die „Bullenschweine“ von RB mobil machen.

Man muss jedoch den Brauseklub mitsamt seinem größenwahnsinnigen österreichischen Mäzen Mateschitz und dem selbstgerechten Sportdirektor (und zwischenzeitlichen Trainer) Rangnick gar nicht sympathisch finden, um zu begreifen, dass das, was in der deutschen Fanlandschaft als ‚Kritik an RB‘ firmiert nicht nur verkürzt, sondern eine zutiefst reaktionäre Ideologie ist. RB ist nicht demokratisch strukturiert und benutzt den Fußball ’nur‘ als Werbebühne? Mag sein! Viel gefährlicher ist jedoch der ideologische Selbstbetrug deutscher Fußballfans, mündet er doch regelmäßig in Nationalismus, Antisemitismus und urdeutsche Vereinsmeierei.

„Tradition“ vs. „reines Marketing“ – der Selbstbetrug des deutschen Fußball-Fans

Die verbreitete ‚Kritik‘ an RasenBallsport Leipzig lebt von der Dichotomie Tradition|Kommerzialisierung. Die Tatsache, dass ein Fußballverein von einem Großkonzern gegründet wird, um mittels der Bühne Bundesliga einen Werbeeffekt für diesen zu erzielen, wird als Bedrohung für die vermeintlichen ‚Traditionsvereine‘ im deutschen Profifußball begriffen. In einem unfassbar dummen Artikel für die 11Freunde schreibt der Fußball-Kultur-Journalist Christoph Biermann: „Auf den Plakaten in der Stadt, der Stadionzeitung oder der Homepage ist konsequent von den »Roten Bullen« die Rede, als sei das ein Traditionsname wie »Die Roten Teufel« oder »Die Knappen«“ (Biermann 2014). Als wüsste Biermann nicht, dass im deindustrialisierten Ruhrgebiet »Die Knappen« ein Label ist, das eher mit dem Geschmack von VELTINS-Pilsener als mit der Erfahrung unter Tage zu fahren verbunden wird.

Freilich hat man in den deutschen Fankurven begriffen, dass es keineswegs eine neue Idee ist, den Fußball als Werbebühne zu gebrauchen. Es sei eben nur so, dass der ostdeutsche Brauseklub dabei zu weit gehe. Dabei begreifen die Fußball-Traditionalist_innen durchaus, dass es keine sachlichen Kriterien für eine derartige Grenzziehung gibt. So heißt es in einem Statement der bundesweiten Kampagne „Nein zu RB“, es gehe „darum, dass mit RB Leipzig eine Grenze überschritten wurde, die eigentlich längst überschritten war…“ (Nein zu RB 2014b). Man weiß um den Marketing-Charakter der Fußball-Events, die man Woche für Woche besucht und in letzter Konsequenz könnte niemand der Beteiligten tatsächlich benennen, was das ganze nun mit „Werten“ oder „Tradition“ zu tun hätte. Traditionen, also gesellschaftliche Normen und Verkehrsformen, die über Generationen weitergegeben, also tradiert, werden, sind schwer zu finden in einer Sportart, die erst seit dem 19. Jahrhundert existiert und die als Massenevent erst seit Mitte des 20. Jahrhundert vorzufinden ist. Und was nun außer ein wenig Dialekt qualitativ die Fans, das Stadion, die Mannschaften des norddeutschen Hamburger SV von denen des schwäbischen VfB Stuttgart unterscheidet, bleibt ebenfalls eine unbeantwortete Frage in der Debatte um Fußball-Tradition.

Diejenigen, die gegen RB Leipzig mobil machen, wollen anscheinend glauben, dass der Profi-Fußball in erster Instanz als Selbstzweck existiert. In ihrer Lesart bedient jener sich nur sekundär der Werbegelder von Großkonzernen und Fernsehsendern, um funktionieren zu können. Logisch wird andersherum ein Schuh draus: der Fußball ist nur sportlich-wettbewerblicher Ableger des kulturindustriellen Starsystems. Nur in einer Gesellschaft, in der die Wertverwertung als dominierendes Vergesellschaftungsprinzip durchgesetzt ist, ist ein durchrationalisiertes, medial vollends ausgeleuchtetes System wie der Profi-Fußball überhaupt denkbar. Ohne die TV-Sender, die Fortschritte der Sport- und Trainingswissenschaften, die Sponsorengelder und das Bedürfnis der vom kapitalistischen Hamsterrad gelangweilten Massen nach spannender Unterhaltung wäre nichts von dem, was wir als Profi-Fußball kennen, denkbar. Nicht die globale Omnipräsenz der Vereinslogos von FC Bayern, Manchester United oder Real Madrid, keine einzige Fankurve, keine Meisterfeiern und massenhaften Abstiegstränen und schon gar nicht die samstagabendliche Sportschau. Fußball wird nicht vom Marketing vereinnahmt, Fußball ist Marketing bis in seine kleinste Pore.

Das Trainingszentrum von Rasenballsport Leipzig (Bild: Hennez, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC 3.0)
Das Trainingszentrum von Rasenballsport Leipzig (Bild: Hennez, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC 3.0)

In der Dialektik der Aufklärung firmiert das Kapitel zur Kulturindustrie unter dem Titel „Aufklärung als Massenbetrug“. Gegenwärtig wäre es wohl angemessen von der RB-Kritik als organisiertem Selbstbetrug der deutschen Fußballfans zu sprechen. Endlich ist ein Akteur auf den Plan getreten, auf den sich all das, was man nicht wahrhaben möchte, externalisieren lässt. Bevor der engagierte deutsche Fußballfan sich eingesteht, dass er selbst sich immer schon mit Bier und Spielen hat abspeisen lassen, veräußert er genau dieses Moment den der guten deutschen Fußballtradition vermeintlich äußerlichen ‚Plastikklub‘ RB Leipzig. Das gefährliche an den ideologischen Trugschlüssen der Fußball-Traditionalist_innen ist, dass sie weder versehentlich passieren, noch durch Indoktrination verursacht werden: der Trugschluss ist von den Traditionsgläubigen selbst gewollt.

„Diese Sichtweise mag für viele verkürzt sein, für uns ist sie eine Mischung aus rein sachlichen bzw. rationalen wirtschaftlichen Erkenntnissen und emotionalen Beurteilungen. Für uns als Fans des Fußballs, wie wir ihn lieben, funktioniert diese Betrachtung – eine auf Rationalität basierende radikale Gesellschaftskritik kann an dieser Stelle aus verschiedenen Gründen gar nicht stattfinden“ (Nein zu RB 2014a). Mit anderen Worten: wir wollen die Voraussetzungen unseres eigenen Handelns überhaupt nicht verstehen und schon gar nicht wollen wir die Gesellschaft verändern. Der Profi-Fußball wäre in Ordnung, wenn es Red Bull nicht gäbe.

Unterstrichen wird dieser Irrationalismus noch durch die eigenen Doppelstandards. Unter den Unterzeichner_innen des Nein-zu-RB-Pamphlets finden sich Fangruppierungen der Retortenklubs 1. FC Heidenheim und FC „AUDI“ Ingolstadt. Ebenso unterschrieben haben zahlreiche Fanklubs der Aktiengesellschaft Borussia Dortmund und des Hertha BSC Berlin, der überhaupt nur noch wegen einer Finanzspritze von einem Hedge-Fonds in der 1. Bundesliga zu finden ist. Vom SC Fortuna Köln, der einzig und allein von einem Mäzen in den Profifußball geführt wurde, mal ganz zu schweigen. Da man sich auch dessen bewusst ist, wehrt man mögliche Kritik lieber von vornherein ab, indem man klarstellt: „Wir können und wollen keine umfassende Kritik des modernen Fußballs liefern und auch nicht die Vereinshistorie aller Teilnehmer genau unter die Lupe nehmen. […] Uns geht es nur um RB“ (Nein zu RB 2014a). An dieser Stelle könnte der vorliegende Text eigentlich zu Ende sein, wären da nicht die zutiefst reaktionären Implikationen dieses ideologischen Selbstbetruges.

Das Böse kommt von außen: die reaktionäre Dichotomisierung von Form und Inhalt

Das dem ganzen Unsinn zu Grunde liegende ideologische Muster ist eine Dichotomisierung zwischen Form und Inhalt. Die Verwobenheit von Abstraktem und Konkretem kann und will vom positivistischen Alltagsbewusstsein nicht anerkannt werden. Auf der einen Seite, weil es dazu keine unmittelbare Notwendigkeit im kapitalistischen Alltag gibt, andererseits weil es praktisch keinen unmittelbaren Nutzen bringt. Welcher Gewinn wäre auch aus der Feststellung zu ziehen, dass das eigene Leben bis in die kleinsten Details nicht nur formell sondern auch reell unter kapitalistische Formzwänge subsummiert ist? Im Gegenteil verlöre man sogar die Illusion von der eigenen Individualität, Traditionalität, Naturwüchsigkeit oder was auch immer zur Aufwertung der eigenen Existenz hinreichend sein mag.

Die ideologische Dichotomisierung zwischen Form und Inhalt ist also keineswegs ein Randphänomen sondern gewissermaßen gedanklicher Normalvollzug. Geradezu brandgefährliche Ausmaße nimmt diese an, wenn die kapitalistischen Subjekte eine Bedrohung ihrer eigenen Existenz annehmen. Weil die Bedrohung gar nicht erst am Arbeitsplatz, in der psychisch bis aufs äußersten geschundenen ‚eigenen‘ Familie oder in der repressiven Praxis des ‚eigenen‘ Staates gesucht wird, scheint sie gewissermaßen notwendiger Weise von außen zu kommen. Die Verwobenheit der vermeintlich äußerlichen Phänomene mit dem eigenen gesellschaftlichen Wirken mag geahnt werden, wird aber radikal aus dem eigenen Bewusstsein verdrängt. Und so erscheint staatliche Abschiebepraxis analog zur Haushaltshygiene als notwendige Problembeseitigung. Das Anzünden von Asylunterkünften ist dann gewissermaßen nur eine Art Selbsthilfe, wenn der Staat seinen Aufgaben nicht nachkommt. Und das freilich auch nur, weil er von außen unterwandert wurde. Besetzt vom Ami und kontrolliert vom Finanzkapital.

Auf der Suche nach dem ‚reinen‘, dem ‚qualitativen‘ und ‚konkreten‘ befinden sich dieser Tage viele, die die abstrakten Formzwänge des Kapitalismus in all ihrer Härte zu spüren bekommen. Was sie dabei nicht begreifen ist, dass der abstrakte Formzwang gewissermaßen als vergegenständlichte soziale Praxis im Konkreten zu finden ist. Bei Marx heißt dieser Vorgang „reelle Subsumption“.

Die "RedBull Arena" in Leipzig – ehemals Zentralstadion – hier kann man das Brause-Geld Tore schießen sehen (Bild: Becherka, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC 2.5)
Die „RedBull Arena“ in Leipzig – ehemals Zentralstadion – hier kann man das Brause-Geld Tore schießen sehen (Bild: Becherka, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC 2.5)

Ist es nicht ein bisschen ‚unfair‘ sozial engagierte Fußballfans ideologisch in die Nähe von Asylunterkunftsanzünder_innen zu stecken? Mag sein, allerdings geht es bei Kritik nicht um Fairness. Und ideologisch verhält es sich in der RB-Kritik nicht viel anders als bei dem rein-deutschen Pack in Freital, Heidenau und Duisburg. Das Bündnis „Nein zu RB“ verteidigt zwar nicht direkt das reine Blut, immerhin aber schon den reinen Sport: „Die Profiligen unterliegen einer wirtschaftlichen Logik, die mit reinem Sport schon lange nichts mehr am Hut hat“ (Nein zu RB 2014b). Das Böse kommt für Deutschlands Fanszenen eindeutig von außen: „Unser Sport ist schon seit geraumer Zeit immer schärfer wirtschaftlichen Interessen ausgesetzt und entwickelt sich dabei zunehmend zum reinen Geschäft“ (ebd.). Auf der einen Seite „unser Sport“, auf der andere Seite das „reine Geschäft“. Freilich geht es dabei nur um RB. Nicht um Politik oder sonstige Themen ohne Fußball-Bezug. Oder etwa doch?

Der Fortuna-Düsseldorf-Fanclub »Block R36« schlägt da schon deutlichere Töne an. Man sieht durch RB Leipzig „Werte und soziale Kompetenzen“ gefährdet und stellt in affirmativer Weise fest: „Des Deutschen liebstes Kind sind aber die Sportvereine“ (R36 2014). In PEgIdA-Manier wird vor der Zersetzung guter deutscher Traditionen von außen gewarnt: „Unsere weltmeisterliche, auf das Ehrenamt bauende Vereinskultur fällt der wachsenden Kommerzialisierung des Fußballs Stück für Stück zum Opfer“ (ebd.). Nachdem bekanntlich die deutsche ‚Suche‘ nach Lebensraum im Osten nach hinten losgegangen ist, möchte man zumindest, dass „Traditionsvereine wie unsere Fortuna ihren Fans auch weiter Heimat & Entfaltungsraum sein können“ (ebd.).

Jenseits von Moral und Heimat: Fußballdeutschland zwischen Kant und Wahrmund

Bei den einen schwingt es mit, die anderen schreiben es deutlich aus. Der Kritik an RasenBallsport Leipzig liegt aufbauend auf der Dichotomisierung zwischen Inhalt und Form eine Aufteilung in schaffendes und raffendes Kapital zu Grunde. Im Nein-zu-RB-Pamphlet hört sich das noch wie folgt an: „Wir glauben, dass es einen Unterschied gibt zwischen Kapitalgesellschaften, die auf eine traditionsreiche und dadurch stark emotionalisierte Vergangenheit zurückblicken, und Vereinen, wie RB Leipzig, die zum Zweck der Profitmaximierung gegründet wurden“ (Nein zu RB 2014a). Die Fortuna-Düsseldorf-Fans von »Block R36« bevorzugen bekannter Maßen eine deftigere Wortwahl: „Die gewachsenen, lokal verankerten Strukturen werden von Fertigprodukten wie Rasenballsport Leipzig konterkariert. Der in den Aufbau der Traditionsvereine gesteckte Schweiß, die Mühen der unzähligen helfenden Hände und das gemeinsam in endlosen Stunden geleistete Ehrenamt werden komplett entwertet“ (R36 2014). Zu schützen ist hier das vermeintlich Naturwüchsige, die ontologisierte Arbeit, das Lokale und die Tradition. Das böse, abzuwehrende Kapital ist freilich nicht von hier, sondern global: „Zusätzlich wird auch noch jegliche soziale und nachhaltige Jugendarbeit durch das globale konzerneigene Transfersystem des Dosenherstellers ausgehebelt“ (ebd.). Das abstrakte, nicht greifbare am Kapitalismus wird seit dem Holocaust und der „Aufarbeitung“ in Deutschland nicht mehr offen mit dem ‚globalen Judentum‘ identifiziert. Naheliegend wäre es jedoch; denn das einzig ‚traditionelle‘ an den Texten deutscher Fanklubs zu RB Leipzig ist die Nähe ihrer Argumentationslogik zu der berühmter deutscher Antisemiten wie Immanuel Kant oder Adolf Wahrmund.

U16-Spiel RasenBallsport Leipzig gegen RedBull New York – das von Biermann gefürchtete globale Transfersystem in Aktion (Bild: Werner100359, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC 1.0)
U16-Spiel RasenBallsport Leipzig gegen RedBull New York – das von Biermann gefürchtete globale Transfersystem in Aktion (Bild: Werner100359, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC 1.0)

Schauen wir uns beispielsweise nochmal den Text von Biermann in der 11Freunde an. Dieser klagt insbesondere über die Rechtsbeugung durch ominöse Hinterleute des Brausekonzerns: „Nur ist es im Fußball eben bislang nicht vorgesehen, dass ein Klub die Handpuppe eines Investors ist. Viel eindeutiger als RB Leipzig kann man nicht gegen den Geist der 50+1-Regel verstoßen, die genau das verhindern soll“ (Biermann 2014). Mit der typisch deutschen Haltung des auf-den-Tisch-Hauens ruft Biermann vergeblich den DFB als übergeordnete Autorität an, die eigentlich für Recht und Ordnung sorgen sollte: „Der Verstoß gegen den Geist der 50+1-Regel ist derart eklatant, dass man sich fragt: Warum ist dem Getränkekonzern die Konstruktion nicht schon längst um die Ohren gehauen worden?“ (ebd.).

Die Antwort hat Biermann sogleich parat. Ominöse Mächte im Hintergrund: „Ein führender DFB-Funktionär, der nicht zitiert werden möchte, sagt: »Es sind da viele Kräfte am Werke.« In den kommenden Wochen werden diese Kräfte hinter den Kulissen wirken, denn RB will eine neue Satzung repräsentieren, die aber wenig an dem Umstand ändern dürfte, dass der Konzern den Klub steuert“ (ebd.). Neben der Figur des (in aller Regel jüdisch interpretierten) Strippenziehers im Hintergrund, kennt Biermanns Argumentation noch eine weitere Figur: den gewitzten (ebenfalls allzu oft jüdisch interpretierten) Winkeladvokaten, der das formale Recht so lange beugt, bis es seinen Interessen genügt.

Daniel Späth (2012, S. 220) erklärt die antisemitische Implikation der kantischen Moralphilosophie und somit der aufklärerischen Moral- und Rechtsphilosophie insgesamt wie folgt: „Die bloß Form des Rechts ist zur Äußerlichkeit verdammt, kann sie doch ‚von allem Zweck (als Materie derselben)‘ nichts absorbieren, sodass die transzendentale Ethik in ihrer Rechtslehre um eine Tugendlehre erweitert werden muss[…], die den ‚äußere[n] Zwang‘ durch inneren ‚Selbstzwang‘ zu ergänzen habe […]. Da die Tugendlehre nicht mehr auf die formale Bedingung des Zwangs rekurriert, sondern auf dessen materialen Zweck, die ‚Antriebe der Natur‘ aber gleichzeitig immer ‚Hindernisse‘ in den Weg legen, besteht der moralische Wert einer Person darin, dass sie ‚außer dem formalen Bestimmungsgrunde der Willkür (wie das Recht dergleichen enthält), noch einen materialen, einen Zweck zu haben‘ sich anstrengt, ‚der dem Zweck aus sinnlichen Antrieben entgegengesetzt werden kann’“ (ebd.).

Diesen materialen Zweck aus sinnlichen Antrieben sehen Fußball-Kultur-Liebhaber wie Biermann in der vermeintlichen Tradition der Vereine und ihrer so genannten ‚Fankultur‘. Äußerlich gegenüber steht dem die ‚Konzern-Handpuppe‘ RB Leipzig, die die Äußerlichkeit rechtlicher Vorschriften (namentlich der 50+1-Regel) ausnutzt, um ihrem abstrakten und ganz und gar un-sinnlichen Profitstreben nachzugehen. Bei Kant, der das politisch-korrekte Deutschland nach Auschwitz noch nicht kannte, war noch eindeutig, worauf diese Moralphilosophie hinaus lief: „Der ökonomische Unwert des Geldes und der politische Unwert des Betrugs konvergieren letztlich in der Kategorie des unehrlichen Kaufmannes, die den antisemitischen Affekt Kants adduziert und bündelt;“ (ebd., S. 223f) – eine Kategorie die schließlich in der „Projektion der rechtlichen Abstraktion auf eine jüdische ‚Nation von Betrügern’“ (ebd., S. 224) mündete. „Die jüdische Nation ist die abstrakte Nation, das Anti-Volk gewissermaßen, das die ehrliche Moral der anderen Völker durch sein abstrakt-betrügerisches Rechtsbewusstsein verderbe“, paraphrasiert Späth (ebd.) den deutschen Aufklärungsphilosophen Kant. Eine Argumentationsfigur mit frappierender Ähnlichkeit zu Biermanns Vorwurf der ‚elegenaten Rechtsbeugung‘ an RB Leipzig.

Woher dieser moralische Unterschied zwischen ehrlich arbeitenden Marktteilnehmern auf der einen Seite und den eigennützigen Rechtsbeugern auf der anderen Seite kommt, erklärte im 19. Jahrhundert der deutsche Wissenschaftler Adolf Wahrmund. In seinem Buch „Das Gesetz des Nomadentums und die heutige Judenherrschaft“ erläutert Wahrmund den moralisch-kulturellen Unterschied zwischen den sesshaften-landwirtschaftlich orientierten Ariern und den nomadisch lebenden Semiten (Juden und Arabern), deren kulturelles Skript („Das Gesetz der Wüste“) ihnen gewissermaßen vorschreibe, andere „Stämme“ zu razziieren, also parasitär von deren Arbeitskraft zu leben und die „Wirtsvölker“ dabei nach und nach zu zerstören.

Dies drücke sich insbesondere im heimatlosen, also nomadischen, Charakter dieser Völker aus, die keine Verantwortung gegenüber Blut und Boden kennen würden: „Den Begriff des längeren Aufenthaltes an einem Orte bezeichnet der Araber durch Stehenlassen (iqâmet), der Zelte nämlich. Für Stamm oder Volk kann er das Wort qaum verwenden, d.h. ein Aufstehen, ein sich Erheben – ursprünglich nur von einer Abteilung gebraucht, die sich eben zum Wechsel der Weideplätze oder zum Kampfe erhebt, – daher sagen die Franzosen in Algier: les goums (qaum) se sont levés, – und die Beweglichkeit des Wohnsitzes gehört so sehr zu den unerläßlichen Voraussetzungen seiner Glückseligkeit, daß die Begriffe festwohnen und arm elend sein für ihn zusammenfallen“ (Wahrmund 1919, S. 12). Glaubt man Biermann, „Nein zu RB“ und co., dann ist RB Leipzig gerade dabei die Bundesliga zu razziieren: „In den kommenden Jahren wird RB Leipzig vielleicht Arminia Bielefeld den Weg in die zweite Liga verbauen und noch danach dem FC St. Pauli den in die erste. Und eines Tages könnte der Klub im Zeichen der Dose auf Kosten von Schalke 04 oder FC Bayern in der Champions League spielen. Denn dorthin will Mateschitz mit seinem Klub, weil sein Markt nicht Deutschland ist, sondern Europa und die Welt“ (Biermann 2014).

Wie zu Beginn dieses Textes erwähnt: man muss den Leipziger Brauseklub nicht im geringsten sympathisch finden, um zu begreifen wie sehr die Kritik an ihm vor Ressentiment und reaktionärem Gedankengut trieft. Wenn man die Texte der RB-Gegner_innen allerdings liest, fällt es einem schwer nicht doch bei jedem Sieg der RasenBallsportler über einen vermeintlichen ‚Traditionsverein‘ klammheimliche Freude zu empfinden.

Quellen:

Biermann, C. (2014). Die Dose der Pandora. Wie gefährlich ist RB Leipzig? 11Freunde, Heft #125 04/2014

Block R36 (2014). Mittlerweile gelöschte Homepage. Original-Text liegt der Redaktion vor.

Nein zu RB (2014a). Positionen und Forderungen: Gegen wen richtet sich unser Protest?

Nein zu RB (2014b). August 2014.

Späth, D. (2012). Das Elend der Aufklärung: Antisemitismus / Antizionismus, Rassismus und Antiziganismus bei Immanuel Kant. exit!, 11.2012, S. 208-249.

Wahrmund, A. (1919). Das Gesetz des Nomadentums und die heutige Judenherrschaft. 3. Auflage. München: Deutscher Volks-Verlag.

3 KOMMENTARE

  1. Disqualifikation durch „(…) unfassbar dummen Kommentar (…)“. Da brauchte ich nicht mehr weiterlesen.

    Generell hat der Autor das Thema nicht verstanden. Lächerlich.

  2. Beängstigend und faszinierend zugleich!

    Bei den Schmierlappen von 11Freunde, hat man mehr als einmal den Eindruck ein rein deutsches Volkssportblatt zu lesen…quasi der „völkische Sportbeobachter“

    Allein die Kommentare der handelnden Redakteure mit offensichtlicher Schadenfreude über die Geschehnisse in Dortmund, lassen einen fast Sprachlos zurück.

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