Vom 20. bis zum 23. April  2017 findet in Chemnitz der zweite Antifaschistische Jugendkongress statt. In diesem Jahr steht die Zusammenkunft unter dem Motto „Get organized now!“. Ronny Gsawitz sprach mit Kim Elser vom Presseteam des JuKo über die politischen Ziele des Kongresses und die Perspektiven für Antifa-Politik in Ostdeutschland.

Gsawitz: Chemnitz ist für seine NS-Gruppen und die faschistischen Einstellungen eines großen Teils seiner Einwohner*innen berüchtigt. Ist es nicht gefährlich dort einen Antifa Jugendkongress durchzuführen?

Elser: In Chemnitz gab und gibt es seit jeher eine aktive Neonaziszene, nicht umsonst zog sich der NSU kurz nach Untertauchen nach Chemnitz zurück. Die Schüsse auf das Lokomov und das Kompott zeigen, dass das Gefahrenpotential auch heute noch groß ist. Dennoch würden wir nicht sagen, dass Chemnitz eine Sonderrolle im Sachsenranking einnimmt. Was allerdings den ernst der Lage nicht bagatellisieren, sonder aufzeigen soll, dass es in Sachsen ein flächendeckendes Problem mit menschenverachtendem und autoritärem Denken gibt. Auch sollte erwähnt werden, dass sich im Bezug auf linksradikale Politik sehr viel getan hat in Chemnitz. Die Zahl der politisch Aktiven und die linker Projekte ist in den letzten Jahren spürbar gewachsen.

Gsawitz: Organisiert wird der JuKo von Wasteland – Vereinigung antirassistischer und antifaschistischer Gruppen Ost. Was ist das für ein Netzwerk?

Elser: Wasteland ist eine regionale und überregionale Vernetzung linksradikaler, antifaschistischer und antirassistischer Gruppen und Zusammenhänge, welche im Zuge der rassistischen Mobilisierungen in Schneeberg 2014 entstand. Hauptanliegen ist es, eine emanzipatorische Perspektive in die gesellschaftliche Breite zu tragen und eine Vernetzung zwischen ländlichen, klein- und großstädtischen Strukturen zu etablieren. Die rassistischen Mobilisierungen und Übergriffe der letzten Jahre haben uns aber auch oft zum gemeinsamen Intervenieren gezwungen. Ohne Wasteland, die gemeinsamen Kapazitäten und unterschiedlichen Kontakte, wären Geschehnisse in den letzten Jahren vieleicht noch mal anders ausgegangen.

Gsawitz: Der bundesweite Rechtsruck in den letzten beiden Jahren war ein schwerer Schlag für die Linke. Glaubt ihr, dass Bildung und Skill-Sharing dem etwas entgegensetzen können?

Elser: Vorab: Weiterbildung und Skill-Sharing haben, egal wie alt oder erfahren du bist, noch nie geschadet! Der besagte Rechtsruck hat auch dazu geführt, dass viele, gerade junge Menschen im Kontext von Pegida und co. politisiert wurden. An diese gilt es Wissen, theoretischer und praktischer Natur, weiter zu geben. Doch nicht nur. Wir müssen unser Wissen, unsere Erfahrungen auch an die weitergeben, die am Anfang einer „klassichen“ linken Biografie stehen.

Gsawitz: Mit dem Jugendkongress erreicht ihr ein bestimmtes Spektrum an Menschen, die ohnehin schon wissen, dass sie gegen Rassismus und andere Gewaltverhältnisse sind. Ist es überhaupt möglich diejenigen Jugendlichen zu erreichen, die politisch noch vollkommen unentschlossen sind oder sogar rechten Ansätzen nicht abgeneigt sind?

Elser: Dieses Spektrum an Menschen lebt ja noch in keiner rein linken Blase, zumal der JuKo explizit nicht nur für Jugendliche zugänglich ist. Die Menschen gehen zur Schule, zur Lehre oder zur Uni. Sie sitzen mit der Family am Esstisch, mit den Kolleg*innen in der Kantine oder verbringen Zeit im erweiterten Freund*innenkreis. In diesen Zusammenhängen sind wir alle Multiplikatoren emanzipatorischer Ideen. In diesen Zusammenhängen, die nicht immer cool sind, im Gegenteil, lässt es sich mit einem Gewissen Maß an Selbstvertrauen einfacher argumentieren. Erfahrungsgemäß funktioniert das mit gefestigtem Grundlagenwissen und diversen Skills besser. Der JuKo ist ein Anfang!

Gsawitz: Nach welchen inhaltichen Kriterien habt ihr die Workshops für dieses Jahr ausgesucht? Gibt es ein bestimmtes Profil?

Elser: Ein bestimmtes Profil gibt es keines. Die Veranstaltungen kommen zum Großteil aus den Wasteland-Gruppen selbst – es gibt sehr wenige externe Referent*innen – und spiegeln so ein wenig deren politische Praxis wieder. Wir haben auch dieses Jahr wieder versucht ein breites Themenfeld zu schaffen, sowohl theoretisch als auch praktisch, wobei die Themen Organisierung, Antifaschismus im klassischen Sinne und Feminismus schon so etwas wie Schwerpunkte darstellen. Wirklich trennen lassen sich die einzelnen Themenfelder sowieso nicht.

Gsawitz: Welche politische Handlungsmacht haben organisierte Antifa-Strukturen in Ostdeutschland heutzutage überhaupt noch?

Elser: Rechte Hegemonie kann vielfältig versucht werden zu brechen. Du kannst als organisierte Gruppe, offen oder verkappt, in zivilgesellschaftliche/bürgerliche Bündnisse gehen und emanzipatorische Inhalte pushen. Da kannst mit Unterstützer*innen von Geflüchteten arbeiten und diesen versuchen klarzumachen, dass sie für geselschaftliche Veränderungen einstehen müssen, wenn sie wirklich helfen wollen. Du kannst Geflüchtete supporten, damit wir von der oftmals immernoch vorherrschenden Stellvertreter*innenpolitik weg kommen. Du kannst dich in Partykollektive/-locations einzecken um die Menschen für Diskriminierungsmuster zu sensibilisieren und diese, im besten Fall, auszuschließen. Bringt euch in euren Vierteln und eurer Nachbar*innenschaft ein und seid solidarisch!

Doch auch klassische Antifa-Arbeit kann wirken. Recherche und Outings. Antifa-Recherche dient der Presse nicht selten als Grundlage. Das „Rechte-Plenum-Outing“ zum Beispiel scheint dieses empfindlich getroffen zu haben. Wir können den öffentlichen Fokus setzen. In Schneeberg war plötzlich die Presse vor Ort, als „die Antifa“ demonstrierte. Infolge der rassistischen Mobilisiserungen und Übergriffe kam es zur Vernetzung und zum Wissensaustausch mit den Locals.

Gsawitz: Wie geht es für Wasteland nach dem JuKo in Chemnitz weiter?

Wie oben schon beschrieben, werden wir versuchen die Vernetzung und den gegenseitigen Support voranzutreiben. Wir unterstützen am 01. Mai die antifaschistischen Proteste in Gera und Halle. Einige Gruppen sind ebenfalls im Bündnis Pro Choice aktiv, welches den Schweigemarsch christlicher Fundamentalist*innen am 12. Juni in Annaberg Buchholz stoppen will. Anfang August wird es das Antifacamp in Buchenwald geben, welches wir unterstützen. Irgendwas unvorhergesehenes kann auch immer passieren. Ansonsten wollen wir schon seit längerer Zeit eine Strategiedebatte führen, wie linksradikale Politik in Sachsen aussehen kann. Vieleicht werden wir das in Zukunft intensiver angehen.

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