Am 8. März ist Weltfrauentag, von vielen linken und feministischen Gruppen auch als Frauenkampftag oder Feministischer Kampftag begangen. In Leipzig mobilisiert ein Bündnis aus linken und linksradikalen Gruppen für den 11. März zu einer Demonstration gegen das Patriarchat und den sexistischen Rollback. Ronny Gsawitz sprach mit Louise Ninive vom Feministischen Kampftagsbündnis aus Leipzig über den Zusammenhang zwischen Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus sowie über Perspektiven konkreter feministischer Kämpfe.

Sechel: Das Motto eurer Mobilisierung lautet „No Rollback! #Hollaback! Fight Back! – Feministische Kämpfe in die Offensive!“. Worin erkennt ihr einen sexistischen Rollback in Deutschland?

Louise Ninive: Der sexistische Rollback geht Hand in Hand mit dem rassistischen; zurück zum Völkischen bedeutet auch, zurück zu verstaubten Geschlechterrollen. Offensichtlich und besonders einschlägig erkennt man diesen Rollback, also das allgemeine, gesellschaftliche Zurückfallen hinter bereits erkämpfte Errungenschaften, wenn man einen Blick ins AfD Wahlprogramm wirft. Dort wird gefordert: „Die Familie aus Vater, Mutter und Kindern als Keimzelle der Gesellschaft muss wieder Mittelpunkt der Familienpolitik werden.“

Auch durch das intensive Aufreiben an der Kampfvokabel „Gender Mainstreaming“, bei welchem es sich laut Björn Höcke um „schädliche, teure, steuerfinanzierte Gesellschaftsexperimente, die der Abschaffung der natürlichen Geschlechterordnung dienen“ handle, wird klar, dass in der von rechten herbeigesehnten Gesellschaft kein Platz für all jene ist, die sich jenseits der heterosexuellen Identitäten von Frau und Mann  verorten. Allerdings wäre es fatal, den sexistischen Rollback ausschließlich dem rechten Rand zuzuschreiben; auch die politischen Parteien und die gesellschaftliche „Mitte“ sind durch und durch von Sexismus geprägt. Allerdings handelt es sich hier weniger um einen Rollback sondern um unveränderte Zustände, wie die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen, sexualisierte Gewalt, die Beschuldigung der Betroffenen und Inschutznahme der Täter etc.

Wenn man einen Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus wirft, erkennt man einen fortgeschrittenen Rückschritt: Russland verabschiedet Gesetzesänderungen die häusliche Gewalt bagatellisieren, in Polen und den USA versucht der Staat vermehrt sich den Zugriff auf Frauen*körper zu sichern und Frauen in ihre angeblich natürliche Mutterrolle zu drängen, etwa indem ihnen der Zugang zu Abtreibungen erschwert wird. Die Entwicklungen in Deutschland, wo im vergangenen Jahr Tausende gegen das Recht auf Abtreibung in Berlin auf die Straße gingen, lassen Ähnliches vermuten.

Sechel: Welche Aktivitäten plant ihr rund um eure Demo und auf der Demo am 11. März selbst?

Louise Ninive: Die Demo zum feministischen Kampftag ist ein wichtiges Mittel, unsere Wut und unser Nicht-Einverständnis mit den sexistischen Zuständen öffentlich zu machen. Wichtig ist uns aber, nicht schlichtweg jährlich auf die Straße zu gehen, sondern auch Inhalte zu vermitteln, Debatten anzustoßen und den mobilisierten Personen nachhaltig Möglichkeiten zu bieten, sich mit feministischen Themen auseinander zu setzen – der Feminismus ist keine Wochenendbeschäftigung. Deswegen haben wir bis zur Demo ein weit gefächertes Angebot mit Film- und Diskussionsabenden, Vorträgen und weiterem geplant. Die Veranstaltungen und eine Übersicht sind auf der Homepage und verschiedenen Social Media Plattformen zu finden.

Auf der Demo selbst wird es verschiedene Redebeiträge geben, die über Sexismus in Unserer direkten Umgebung aufklären und es bleibt auch Platz für bunte und kreative Aktionen. Nebst Wut gehen wir auch auf die Straße aus Solidarität: Alle Demo-Teilnehmer*innen sind eingeladen, den Tag im Anschluss im Conne Island ausklingen zu lassen und vielleicht ins Gespräch zu kommen. Da die Zustände – nicht nur für Frauen – vermutlich auch nach dem 11. März noch prekär sein werden, wird es auch nach der Demo feministische Veranstaltungen geben – das Weiterverfolgen lohnt sich also.

Feminist_innen protestieren gegen den „Marsch für das Leben“ 2016 in Annaberg-Buchholz

Sechel: Ist die jährliche Demo um den 08. März herum nicht eine gute Gelegenheit für die linksradikalen Gruppen der Stadt „mal was für den Feminismus zu tun“ und sich den Rest des Jahres dann nicht mehr damit zu befassen?

Louise Ninive: Dass der Feminismus in linksradikalen Gruppen zu häufig als gelegentliche „Zusatzbeschäftigung“ überwiegend weiblich sozialisierter Personen, statt immanent mitgedachtem Inhalt, betrachtet wird, ist kein Geheimnis. Wir wollen mit einem starken, feministischen Bündnis linksradikaler Gruppen in Leipzig eine Plattform sein, in welcher das Patriarchat dauerhaft und im Kontext angegriffen wird,  nicht nur um den 8. März herum. Auch bereits stattfindende feministische Kämpfe in den einzelnen Gruppen werden fortgeführt – nur mit stärkerer Vernetzung im Rücken.

Sechel: Sexismus ist ein Herrschaftsverhältnis, das alle Menschen in einer Gesellschaft miteinschließt. Wie lässt sich dagegen vorgehen? Wie können und sollten konkrete feministische Kämpfe aussehen?

Louise Ninive: Sexismus ist als Herrschaftsverhältnis vor allem immer vorhanden, in beinahe jedem Kontext immanent. Eine konkrete Praxis muss genau damit arbeiten, erkennen, dass sexistische und patriarchale Denkmuster an unserem gesamten Sozialisierungsprozess entscheidend beteiligt waren und sind. Feministische Kämpfe müssen also eine Gratwanderung darstellen, zwischen einer historischen Genealogie, d.h. einer Herleitung der Gewordenheit und ständiger Selbsthinterfragung.
Ebenso denke ich, dass der uns direkt umgebende Sexismus – beispielsweise Pick-Up-Artists, der  in Leipzig lehrende Jura Professor Thomas Rauscher, der zum Thema Abtreibung twittert, es handle sich um „menschenverachtenden feministischen Egoismus“, sexistische Diskriminierung bei der Lohnarbeit und sexualisierte Übergriffe im Nachtleben – verstärkt zum Thema gemacht werden muss.

Sechel: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Patriarchat und Kapitalismus?

Louise Ninive: Platt gesagt: Ja. Und auch wenn die Frage vielleicht etwas allgemein klingt ist sie enorm wichtig: Solange der Zusammenhang von Patriarchat und Kapitalismus nicht ständig mitgedacht wird, besteht die Gefahr, dass Probleme, denen Frauen gegenüber stehen als individuelle, isolierte angesehen werden, wo sie systembedingt und strukturell sind. Ein funktionaler Kapitalismus braucht einen „gesunden Volkskörper“, der Markt produktive Individuen, dafür wiederum braucht es einen Sektor der Fürsorge und Reproduktion. Dabei liegt beides meist außerhalb vom entlohnten Arbeitssektor, wodurch eine Doppelbelastung entsteht – gerade für Alleinerziehende: in unserer Gesellschaft mehrheitlich Frauen. Aber auch in Doppelverdiener-Lebensgemeinschaften bleibt die Fürsorge- und Reproduktionsarbeit dank gefestigter Rollenverteilung meist an Frauen hängen.  Ein staatliches Interesse am Erhalt dieser Geschlechterrollen ist also immer auch eines, welches das kapitalistische System zu stabilisieren versucht.  Sich als Mutter zwischen prekärer Lohn- und unbezahlter Care-Arbeit abzuarbeiten ist kein individuelles Problem, kein Einstellungsproblem und wird doch oft schambehaftet als persönliches Scheitern an vermeintlich eigenen Ansprüchen angesehen.

Dagegen muss sich ein antikapitalistischer Feminismus positionieren, der mit Solidarität gegen die Isolierung und Individualisierung dieser Probleme vorgeht und sie in den Kontext der kapitalistischen Gesellschaft stellt. In diesem Kontext müssen patriarchale Strukturen angegriffen werden.

Sechel: Wenn in der Mainstream-Presse über Sexismus gesprochen wird, ist meist von Übergriffen durch nicht-Weiße Männer an weißen Frauen die Rede. Auch in der Linken werden Feminismus und Antirassismus zum Teil als Widerspruch verhandelt. Gibt es Mittel und Wege, um aus diesem rassistisch aufgeladenen Diskurs auszubrechen?

Ausbrechen ist schwierig – der vermeintliche Widerspruch entsteht meines Erachtens durch zu partikulare Betrachtung, was erst einmal offensichtlich erscheinen mag. Wer Religion als patriarchale, hierarchische und sexistische Struktur kritisiert, muss Religion im Allgemeinen, nicht nur im Konkreten kritisieren, das ist der erste Punkt. Der zweite ist, dass diejenigen, welche über den Sexismus „der Anderen“ – der Muslime, Ausländer, Flüchtlinge – sprechen, gerade in bürgerlichen Kreisen, zugleich aus einer völkischen Idee heraus eine Art Vorrecht über den Körper „der eigenen“ Frauen annehmen. Auf die Gefahr hin, mich in Floskeln zu verrennen, möchte ich sagen, dass man auf keinem Auge blind sein darf – man darf und muss den Islam kritisieren – als Religion! – und man darf den eigenen Sexismus nicht in „den Anderen“ projizieren um ihn von sich zu weisen. Was die linken Kreise angeht besteht die Gefahr vielleicht in einer Angst vor Widersprüchen.

Sechel: Wie soll es nach der Kampagne zum feministischen Kampftag weitergehen und was kann die Leipziger radikale Linke aus feministischer Perspektive in Zukunft besser machen?

Louise Ninive: Ich habe im Laufe des Interviews bereits mehrfach die Isolierung in Bezug auf feministische (Alltags-)kämpfe kritisiert. Das gilt in gewisser Weise auch für die radikale Linke – nicht nur in Leipzig. Während es für viele Bereiche und viele Kämpfe Bündnisse und andere Vernetzungen gibt, bleibt der Feminismus zu häufig Einzelaufgabe. Das Bündnis um den feministischen Kampftag wird auch nach diesem weiterbestehen. Für die Zukunft sollte Kritik am Patriarchat selbstverständlicher in alle Konzepte einfließen und – ein Problem, welches sich nicht nur in feministischen Kontexten wiederfindet – auch die Alltagskämpfe der Genoss*innen mit einbeziehen, anstatt nur einer abstrakten Idee des Feminismus nachzulaufen.

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